Sexismus? Ich doch nicht!

Eigentlich jede Diskussion über sexistische Diskriminierung ruft Männer auf den Plan, die sich rechtfertigen und finden, dass es unfair ist, ihnen einen Vorwurf zu machen. Sie haben schließlich selber Töchter und verhalten sich nie sexistisch. Da ist es natürlich gemein, sie in Sippenhaft zu nehmen.
Und sie haben damit nicht Unrecht. Es fehlt eine „freisprechende Instanz“. Denn das können sie ja unmöglich selber tun. Dem schaffe ich hiermit Abhilfe im Stil eines Zeitschriften-Selbsttests. (Die Aussagekraft solcher Tests ist bekanntlich begrenzt, aber er kann eine Orientierung bieten.)

Du gehörst wirklich zu „den Guten“? Dann machst du sicherlich folgendes:

  • Ich weiß, dass meine stärkere Körperstatur einschüchternd wirken kann und trete Frauen daher auf der Straße rechtzeitig und gezielt aus dem Weg, um ihnen zu kommunizieren, dass ich ihren Raum respektiere.
  • Wenn ich nachts auf der Straße hinter einer Frau gehe, wechsle ich nach Möglichkeit die Straßenseite, um ihr ein eventuelles Bedrohungsgefühl zu ersparen.
  • Wenn ich nachts einer einzelnen Frau in der U-Bahn begegne, nicke ich ihr freundlich und zurückhaltend zu, um ihr zu bedeuten, dass ich keine Gefahr darstelle, breche aber schnell den Blickkontakt wieder, um sie nicht zu bedrängen. Kopfhörer z.B. verstehe ich als besonders starkes Signal, Abstand zu halten. Besonders in fast leeren Bussen oder Bahnen wähle ich keinen Sitzplatz in unmittelbarer Nähe zu einer Frau.

Solidarität zum Weltfrauentag

Der Feminismus erlebt dieser Tage eine aufregende Zeit. Zum einen scheint es wieder en vogue, dass bekennende Frauenhasser in hohe Ämter gewählt werden, der Rückwärtstrend in Sachen Frauenrechte zeigt sich in Polen, im Iran, den USA und auch in Parteien wie der AfD. Ein Mann, der öffentlich sagte, es sei ok, Frauen ungefragt an die „Pussy“ zu greifen, wird zum Präsidenten der USA gewählt und darf nun Vorbild in Sachen Sexismus werden, dem tausende, nein millionen junger und alter Männer nacheifern dürfen.

Heejab_CC-by-2_Khashayar Elyassi

 

Zum anderen – und das stand ja zu hoffen – erfährt gerade dadurch die Frauenbewegung (notgedrungen) einen neuen Schub. Dieser ist sehr zu begrüßen, denn Diskriminierung aufgrund des Geschlechts ist selbst in den fortgeschrittensten Ländern (wie Schweden) noch lange nicht besiegt. Fast gleichzeitig mit diesem Schub begann aber auch eine Desolidarisierung, die schon Simone de Beauvoir durch die Verteilung der Frauen über alle Stände (und Hautfarben, wie ich anfügen möchte) erklärte. Es ist schwer, eine gemeinsame Bewegung zu schaffen, wenn uns dabei verschiedene andere Privilegien (Bildung, Reichtum, Religion und Hautfarbe) einen Strich durch die Rechnung machen. Die leider sehr berechtigte Kritik am „white feminism“ macht uns schmerzhaft darauf aufmerksam, dass weiße Frauen ebenso gut diskriminieren können, und genau in die selben Fallen tappen können wie Männer, wenn es darum geht, Menschen unsichtbar zu machen, die ihr Privileg nicht teilen.

Linksverkehr im Kopf

Als ich als Jugendliche zum ersten Mal nach England fuhr, wurde ich von vielen Seiten gewarnt, den Linksverkehr nicht zu unterschätzen. Ich dachte mir nichts groß dabei. Ich konnte mir vorstellen, dass es beim Führen eines Wagens eine große Umstellung wäre und hatte dabei vor allem den Vorgang des Rechtsabbiegens vor Augen, dessen deutsches Pendant mir schon auf dem Fahrrad äußerst kompliziert erschien. DriveLeftIRL_cc-by-sa-3_Thjurexoell

Meine Mutter lieferte ein wertvolles weiteres Detail. „Denk daran auch, wenn du über die Straße gehst.“ Mir kam das überflüssig vor. Man schaut doch ohnehin in beide Richtungen. Wie wichtig dieser Hinweis war, wurde mir erst klar, als ich beinahe angefahren worden wäre, weil ich schon mal einen Schritt auf die Straße machte, während ich in der völlig falschen Richtung nach einem Auto ausschau hielt. Manche Dinge versteht man erst richtig, wenn man sie erlebt hat und versteht, wie sie zu Stande kommen.

Mit der Nachfrage, warum das so betonenswert sei (anstatt anzunehmen, alle hielten mich für unfähig, eine Straße zu überqueren) hätte ich schnell herausfinden können, dass man die Gefahr auch als Fußgängerin unterschätzen kann und wie diese entsteht. Mit allem, was ich wusste, hätte ich darauf kommen können, ohne es unfreiwillig selbst auszutesten.