Heute feiern die Piratinnen ihren ersten Geburtstag

Vor genau einem Jahr hatte ich die Piratinnen ins Leben gerufen. Was eine große Supportaktion für die Piratenpartei werden sollte, verkehrte sich ins Gegenteil. Kaum jemand hatte meine Pressemitteilung selbst gelesen, in der ich darauf hinwies, dass die Piratinnen eine große Chance für unseren charmanten Nerdhaufen sind und dass es sich keineswegs darum handle, die Piraten des Androzentrismus‘ zu verfluchen. (Dass sie jetzt doch wie ein großer androzentristischer Haufen wirken ist den Reaktionen geschuldet, nicht meiner PM.)

(Vorstand der Piratenpartei 2010/2011)

Setzen sich diese Männer für die Belange von Frauen ein?

Im Verlauf der Diskussion wiesen einige darauf hin, dass eine Partei, die sich der Hälfte der potentiellen Wählerschaft gegenüber derart unwählbar macht, nicht lange Aussicht auf Bestand habe.

Darauf entgegneten vor allem die Frauen in der Piratenpartei, dass sie sich nicht diskriminiert fühlten bzw. warfen die Frage auf, wo diese „Diskriminierung“ überhaupt stattfinde.

Um mit Deep Thougt zu sprechen: „Knifflig“. Diese Form der Diskriminierung lässt sich nicht so einfach benennen. Es handelt sich meist um subtile Situationen, die man gerade aufgrund ihrer Subtilität nicht exakt benennen kann. Oder es ist für schlichtere Gemüter sehr schwierig, dies eindeutig auf eine Geschlechtszugehörigkeit zurückzuführen. Das nicht benennen könne: Das macht diese Diskriminierungsform so schlimm. Klar: Wenn mich ein Typ angrapscht, werden alle Piraten [1] empört sein und ihm die Meinung sagen. Wenn er mich (mehr oder weniger unbewusst) zu einem Stereotypen einordnet oder von mir erwartet, dass ich mich seinen angelernten Lebensweisen unterordne, kann ich da nicht wirklich mit dem Finger drauf deuten und mich nur schwer dagegen wehren.

Im Laufe der Geschichte haben wir gelernt, dass Umgangsformen von denen erschaffen werden, die in der Mehrheit sind. Das sind im Fall der Piratenpartei klar die Männer. Dort fühlen sich also nur die Frauen wohl, die mit männlichen Umgangsformen klar kommen, oder das zumindest glauben. Die von allen so verhasste Quote ist (an anderer Stelle) nur der Versuch, zunächst mehr Frauen in solche Posten zu bekommen, wo sie wirklich mitgestalten, damit auch die anderen Lust haben dazu zu kommen.

Die Vorspeisenplatte
erklärt den Bedarf einer Quote so:

Solange die Spielregeln für den Aufstieg in Machtpositionen […] von der überwältigenden männlichen Mehrheit bestimmt werden, bewusst oder unbewusst, werden nicht genug Frauen mitspielen wollen. Erst wenn ein kritischer Anteil an weiblicher Mitgestaltung erreicht wird, ändern sich diese Spielregeln – und machen es der nächsten Aufsteigerinnengeneration einfacher, sich darauf einzulassen.

Da bei den Piraten eine Quote absolut unrealistisch (und daher auch die Diskussion darüber nur schädlich) ist, waren die Piratinnen ein Versuch, für Frauen eine Art sicherer Hafen zu sein, in denen sie die Umgangsform bestimmen und sich gemeinsam unterstützen können. Der Versuch einer Alternative zur Quote!

Das war uns von Anfang an nicht vergönnt. Die Mailingliste war kein sicherer Ort. Man musste sich darüber im klaren sein, dass alles darin geleaked und in der Außenwelt zerrissen würde. Mehrere Frauen vertrauten mir im Nachhinein an, dass sie sich von den Piratinnen nur deshalb öffentlich distanzierten, weil sie befürchteten einen Shitstorm auf sich zu ziehen. In der Liste versammelten sich auch mehr und mehr Gegnerinnen der Piratinnen, die eine vertraute Atmosphäre unmöglich machten. Produktive Gespräche waren somit schnell nicht mehr möglich.

Als ich vor gut einer Woche auf der Liste (auf der seit August letzten Jahres nichts mehr passiert war) eine Nachricht mit der Anfrage schrieb, ob wir anlässlich des Geburtstages etwas machen wollten waren die Antworten höchst aussagekräftig:

Natürlich fand ich kurz darauf meine Anfrage in einem Piratepad geleaked und fand es sehr amüsant, dass es offensichtlich immer noch Menschen gibt, die diese Liste für derart gefährlich halten, dass jedweder Inhalt dringend nach außen getragen werden muss.

Die Antworten innerhalb der Liste waren auch spannend. Zum einen meldeten sich Frauen [2] zu Wort, die zum Ausdruck bringen wollten, wie blöd sie die Piratinnen finden. Ich war kurz davor, eine Abstimmung abzuhalten, ob wir die Liste nicht lieber in „Anti-Piratinnen“ umtaufen sollten, als dann auch Nachrichten von Frauen kamen, die ausdrückten, dass und warum sie sich von der Piratenpartei distanziert hätten.

Frauen distanzieren sich aufgrund der androzentrischen Strukturen von der Piratenpartei: Um genau das zu verhindern, war ich damals mit dieser Idee angetreten.

Es sollte genau darum gehen, dass Frauen nicht vergrault werden, auch wenn die Umgangsformen manchmal etwas hart sein können. Einen Rückzugsort zu bieten, wo es einfach anders ist. Stattdessen hat die Polarisierung weiter zugenommen. Die Frauen, die eine andere Umgangsform wichtig finden haben der Piratenpartei den Rücken zu gedreht. Daran arbeiten, dass die Piratenpartei auch für Frauen attraktiver wird, wollte nur eine einzige andere Frau und auch die äußerte nicht viel Hoffnung.

Und nun mehren sich die Vorfälle in denen sich Frauen, auch solche, die mir damals viel entgegen setzten, aus der aktiven Arbeit der Piraten zurück ziehen.

Ich möchte hier keinen Zusammenhang unterstellen. Aber ich möchte darauf hinweisen, dass der Verlust dieser starken Frauen in der aktiven Arbeit, für die Piraten sehr herbe ist. Und dass es zumindest im Ausblick dazu führen wird, dass die Umgangsformen bei den Piraten sich nicht unbedingt zum besseren ändern werden.

Aber – read my lips – Liebe Piraten, wir haben (nach wie vor) ein Problem

In meiner so „bösen“ Pressemitteilung habe ich geschrieben:

Die Piratinnen sind eine gute Möglichkeit, eine breitere Menge an Frauen zu erreichen, und sie mehr in das netzpolitische Geschehen zu integrieren. Ob sich die Piratenpartei dies zu Nutze machen wird, wird sich zeigen.

Wir Piraten haben unsere Chance zu einer „einfachen“ Lösung vertan. Wir dürfen gespannt sein, ob wir es dennoch schaffen, uns zu einer ernstzunehmenden Partei zu entwickeln. Die derzeitigen Probleme, die irgendwie nur Konflikte nach innen zu sein scheinen, lassen da eher nicht so viel Hoffnung aufkommen.

——-
Fußnoten:
[1] Pirat ist ja angeblich geschlechtsneutral ;-) Von daher dürfen sich Frauen in diesem einen Fall mitgemeint fühlen.
[2] Ich bin mir darüber bewusst, dass sich auf der Liste nicht nur Frauen befinden. Offiziell tun sie das aber und somit spreche ich auch nur von ihnen. Wenigstens haben wir hier einmal die Situation umgedreht.


Kommentare

Heute feiern die Piratinnen ihren ersten Geburtstag — 10 Kommentare

  1. @ epinephrin
    Ein oft begangener logischer Fehler ist, ein logisches Konditional mit einem Bikonditional zu verwechseln. Nur weil Person A Person B gut findet, heißt das nicht, dass Person B auch Person A gut findet.
    Isi ist auch bei den Piratinnen nicht sehr lange dabei gewesen. Wir hatten das gleiche Problem, wie so viele: Man kann sich seine UnterstützerInnen nicht aussuchen.
    Wenn z.B. Faschisten die Piraten öffentlich loben, ist das schlecht für den Ruf. Gegen die falschen Unterstützerinnen kann man sich z.B. dann wehren, wenn die Öffentlichkeit einen differenzierten Blick auf das Geschehen hat, was im Fall der Piratinnen (zumindest auf piratiger Seite) leider nicht gegeben war.

  2. Vielen Dank für diesen Artikel. Ich hoffe, dass er einigen Leuten die Augen (hoffentlich den Richtigen) öffnen wird. Die Piraten werden ohne Frauen nicht weit kommen. Dem Umgang unter den Piraten würden ein paar Frauen wirklich gut tun.

  3. @ epinephrin
    Ich dachte, langsam wäre es rüber gekommen, dass es mir um wesentlich mehr ging, als um eine lächerliche Pressemitteilung. So langsam wäre es gut, die Kränkung über die PM los zu lassen und zu realisieren, dass es um etwas wesentlich wichtigeres geht. Die PM war nicht im Namen der Piraten (lies nach!), ich habe gegen keine Regelung verstoßen, bin dennoch verwarnt worden, das Thema ist durch.
    Was bleibt ist der fade Nachgeschmack des großen Widerstandes gegen die Piratinnen, der mit Nichten nur mit meiner Vorgehensweise zu tun hatte. Und genau das sollten die Piraten lernen. Mit verletztem Stolz kann man keine Politik machen.
    Können wir jetzt endlich inhaltlich werden?

  4. Die Piratenpartei ist derzeit nur ein planloser Haufen, in dem sich die lautesten Schreihälse durchsetzen. Da sind deine Gedanken zur Haltung gegenüber Frauen ein Schema, das sich auf beliebige Themen übertragen lässt: Versuch mal an Teilen unseres Bildungssystems fest zu halten – da schlägt dir der piratische Freiheitsgedanke aber mal mit voller Breitseite in’s Gesicht.

    Ansonsten bleibt mir nur noch – wenn auch widerwillig – dem Ben zuzustimmen: Ich bin irgendwann davon ausgegangen, dass die Piraten an sich schon ein Schutzraum wären. Zumindest ein bisschen.

  5. Hey Leena!
    Anna (-Lena) hier, wir kennen uns von der HiWi Arbeit für SiN.
    Ich hab das ja damals nur nebenbei mitbekommen, was du bei den Piraten gemacht hast, aber was ich jetzt dazu lese find ich super.
    Schade, dass es so aufgelaufen ist.
    Schade, dass es allgemein gerade so viele Probleme bei den Piraten zu geben scheint. Ich wünsche den Piraten und Piratinnen, dass sie das Ruder rum kriegen und sich wieder zusammenraffen. (Aus einem recht egoistischen Motiv: Dann gäbe es mal eine wählbare Partei…)
    Bis dahin geh ich weiter meine Stimmzettel ungültig machen.
    Grüße,
    LaThreepwood

  6. Liebe Leena,

    schade das Du offensichtlich zu jenen Feministinnen gehörst, die nicht Einen sondern Spalten wollen. Die Bezeichnung „Piraten-Partei“ umfasst ganz selbstverständlich Frauen und Männer gleichermaßen. Warum Menschen wie Du hier gleich wieder eine Abtrennung als PiratINNEN vornehmen müsst, ist mir unbegreiflich.

    Stört es Dich mit Männern unter der geschlechtsneutralen Plural-Bezeichnung „Piraten“ in einen Topf geworfen zu werden? Siehst Du Dich bzw. Frauen allgemein als etwas besseres an?

    Das Frauen wie Du immer ihr eigenes Süppchen kochen wollen ist der Kern des Problems, nicht der Männerüberschuss. Vielleicht solltest Du mal versuchen mit den ja ach so schrecklich abstoßenden männlichen Umgangsformen klar zu kommen, statt Dich abzuspalten und mal wieder den Männern die Schuld für alles zu geben.

    Im übrigen ist Dein Sinnieren über eine angeblich subtile Diskriminierung äußerst platt und dein Gefasel von „schlichteren Gemütern“ ist verdammt arrogant und zeugt nur davon, daß Du Dich tatsächlich als etwas besseres siehst. Das meist unbewußte Einordnen seines Gegenübers in Stereotype ist nämlich rein menschlich, nicht männlich und hat mit Diskriminierung nichts zu tun. Wenn Dir das widerfährt, solltest Du versuchen Dein Gegenüber zu überzeugen, daß Du eben nicht in das Klischee passt.

    Und vor allem solltest Du Kritik an Dir mehr an Deiner Person als an Deinem Geschlecht festmachen. Wenn Menschen wie Du das mal begreifen würden, wäre schon viel gewonnen und Dein Wunsch nach einem eigenen, abgespalteten Frauenclub in der Partei müsste dann selbst Dir albern und querulantisch vorkommen.

    Ich hoffe Du nimmst Dir ein paar meiner Worte zu Herzen und versuchst Dich mehr zu integrieren statt abzuspalten. Frauen und Männer können nämlich sehr wohl MITeinander auskommen, das habe ich schon erlebt! ;-) Und mit etwas Charme kannst Du selbst für mehr Weiblichkeit in der Partei sorgen, denn „Der Ton macht die Musik“. Spalter und Querulanten sind da nicht gefragt.

    Schöne Grüße
    Michael

  7. @ Michael

    Einer meiner „Lieblingssprüche“: „Der Ton macht die Musik“

    Erst mal ist der Ton deiner Mail einfach nur daneben. Falls dich das überhaupt interessiert; Selbstreflexion meine ich.

    Und zweitens: Der Ton der PiratenMänner ist ihrer Musik ja bereits vor Jahren voraus geeilt. Ich spreche hier die VorPiratenZeit AK Vorrat an. Sicher gab und gibt es auch angenehme Töne, die sich aber leider bis heute nicht durchsetzen.

    @ Leena
    Ich habe mich über den Erfolg der Piraten sehr gefreut. Gewählt habe ich sie nicht und das kann auch erst passieren, wenn alle Menschen innerhalb der Partei selbstverständlich gleichberechtigt behandelt werden. Außerdem sollte das Thema sexualisierte Gewalt offen diskutiert werden und eine angemessene Haltung dem gegenüber gebildet werden.

    tabumove – Prävention von sexualisierter Gewalt

  8. Hallo Michael,
    was mich an deinem Beitrag wirklich traurig macht, ist der verletzende Tonfall. Du greifst Leena persönlich an, unterstellst Dinge, die sie überhaupt nicht schreibt, und glaubst sagen zu können, sie sei so oder so…

    Kennst du sie etwa persönlich näher, dass du sie so gut einschätzen kannst? Ich wundere mich über eine solche Attitüde.

    Ich glaube, du hast Leenas Thesen in Wirklichkeit noch nicht verstanden. Wenn du dir mehr Verbindendes wünschst (und das ja von Leena einforderst), dann könntest du ja mit gutem Beispiel voran gehen und sagen: Mensch, Leena, ich würde dich gerne besser verstehen! Komm doch mal in unsere Grupe… oder so ähnlich.
    So wie du schreibst, stellst du gerade die Abspaltung her, die du eigentlich ablehnst und die du bei Leena unterstellst. Das nennt man Projektion. Ist völlig menschlich, passiert uns allen, ob Mann oder Frau…

    Und du hast ganz recht: der Ton macht die Musik. Ich würde mich sehr freuen, wenn du dir das zu Herzen nehmen würdest. Vermutlich merkst du gar nicht, wie sehr dein Beitrag unter die Gürtellienie geht, oder? Das – was du da hergestellt hast – ist genau eine Sorte von Diffanmierung im Netz, die ich persönlich sehr abschreckend und unerträglich finde.
    Ein bisschen mehr Bescheidenheit, ein bisschen mehr Mut zu Selbstreflektion, das wäre sicher hiflreich.

    Beste Grüße,
    Philina

  9. „Frauen distanzieren sich aufgrund der androzentrischen Strukturen von der Piratenpartei:“

    Hm. Du unterstellst den Piraten androzentrische Strukturen und etwas weiter oben meinst du, es habe nichts mit dir zu tun, dass die Piraten heute wie ein großer androzentristischer Haufen wirken? Ich meine: Ähm? Das muss dir doch auffallen.

    „Dort fühlen sich also nur die Frauen wohl, die mit männlichen Umgangsformen klar kommen, oder das zumindest glauben.“

    Hast du eine Umfrage durchgeführt oder wie darf man diese Aussage verstehen? Als Frau käme ich mir da andernfalls nämlich ziemlich bevormundet vor.

    Ich persönlich traue Frauen jedenfalls etwas mehr zu als das…

    Naja, einerlei. Die Piraten haben in Berlin ja trotz der Ereignisse einen tollen Erfolg hingelegt, der auf Wiederholungen hoffen lässt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.