Alte Mythen in der digitalen Gesellschaft

Die Bekanntgabe der Gründung eines Vereins namens „Digitale Gesellschaft“ brachte heftigen Wind nach Kleinbloggersdorf.

Schon häufiger wurde Bedarf an einer Art „Dachverband“ oder einem ADAC der Netzwelt geäußert. Und seit einiger Zeit sehen manche Organisateure unseres Aktivismus‘ neidvoll auf Organisationen wie Campact , die es schaffen, kleine online-Aktionen groß zu machen und dann eindrucksvoll (und pressetauglich) auf die Straße zu bringen. Campact macht starkes Fundraising und ist mit etwa einem Dutzend Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gut organisiert. Es könnte sicherlich nicht schaden, sich etwas an deren Erfolgsrezept zu orientieren.

Und nun stellte sich Markus auf die re:publica und präsentierte seinen Verein. Und kassierte erst einmal viel Kritik:

  • Die Art der Gründung fanden viele suboptimal.
    fefe schrieb dazu:

    Ich habe ja seit Jahren beim CCC mitgemacht und kann nicht leugnen, mir da ein bisschen auf die Füße getreten zu fühlen, wenn da jetzt so aus dem Nichts ein Verein kommt und die Lobby für die Netzpolitik monopolisieren will (so kommt das natürlich gerade bei den ganzen anderen Playern in der Internet-Lobby an). Unsere bisher größten Erfolge haben wir (die Internet-Lobby, nicht der CCC) in Arbeitskreisen wie AK Zensur und AK Vorrat gehabt, nicht in Einzelgängen. Aus meiner Sicht hätte man hier ansetzen sollen und nicht eine neue Volksfront Judäas gründen sollen.

  • Die finanzielle Gestaltung
    Der Verein soll Geld einsammeln und möchte Menschen für ihre Arbeit bezahlen. Derartige Ambitionen sind in der Netzwelt (so z.B. bei den Piraten oder im CCC) durchaus kritisch bewertet.
  • Eine undemokratische, elitäre Stuktur.
    Der Aufbau des Vereins wird kritisiert, intransparent zu sein und Datenschutzgründe vorzuschieben. Entscheidungen werden von einem kleinen Kreis getroffen.
  • U-Boot der Grünen zu sein
    Die wenigen, von denen man weiß, dass sie mit der Gründung zu tun haben, werden dem grünen Lager zugeordnet.
  • Das Löschen eines eigenen Tweets , der sich gegen Tauss richtete, welche dann erst besondere Aufmerksamkeit auf diesen Tweet zog . Zuvor hatte Tauss einen offenen Brief an Markus geschrieben http://www.tauss-gezwitscher.de/?p=2297
  • Der Name könnte den Eindruck vermitteln, die gesamte digitale Gesellschaft zu vertreten, was einigen zu weit geht.

Sascha Lobo bringt das in den ersten 10 Minuten seiner Rede auf der re:publika ganz gut auf den Punkt. (Der Rest der Rede ist übrigens auch sehr empfehlenswert.)

Andererseits vertrete ich auch die Ansicht, dass es eine sehr schlechte Angewohnheit der ’netizisns‘ alles erst mal schlecht zu reden und nieder zu flamen. Wir haben einfach zu wenige richtig Aktive, als dass wir es uns leisten könnten, diese dann auch noch niederzuschimpfen.

Zwischenzeitlich gibt es ein FAQ von der „Digitalen Gesellschaft“ indem auf die Vorwürfe reagiert wird und zumindest Fefe ruft dazu auf, die DigiGes einfach mal machen zu lassen.

Worauf ich jedoch gerne näher eingehen möchte, sind die Vorwürfe zur finanziellen und undemokratischen sowie elitären Strukturierung. Dabei geht es mir eigentlich gar nicht um Markus‘ Vorstoß, sondern darum, dass mir diese Haltung prinzipiell ziemlich auf die Nerven geht.

Denn hier treten meiner Ansicht nach zwei Mythen zu Tage, die unsere Bewegung stark blockieren.

1) Die Frage nach den Finanzen:

Es gibt viele Gründe, weshalb wir endlich von diesem Ross mit dem ausschließlichen Ehrenamt runterkommen sollten:

Um den Lobbykräften, die richtig viel Kohle hinter sich stehen haben, etwas entgegensetzen zu können muss man eben auch selbst Geld haben. In der Enquete-Kommission lässt sich das gerade herrlich beobachten:

Da gibt es Sachverständige, die das quasi nebenher zum dem Brot, was sie noch an anderer Stelle verdienen, und ohne weitere Unterstützung machen. Und es gibt welche, die ein Dutzend Mitarbeitende haben, die ihnen direkt zuarbeiten. Was glaubt ihr, welche der Sachverständigen mehr Texte einbringen, mehr Sachen lesen und kritisieren können? Wir lernen: Wenn ich ein Thema besetzen möchte, muss ich auch die Zeit dafür haben.

Ich habe z.B. eine Support-Gruppe für padeluun gegründet. Ergebnis: Viele haben Interesse, keiner hat verlässlich Zeit. Wenn es dann drauf ankommt (und auch mal was kurzfristig da sein muss) kommt nichts, weil gerade Dringenderes zu tun ist. Die Idee, jemanden zu bezahlen, der quasi „hauptberuflich“ padeluun in der Enquete-Arbeit unterstützt, ist an der Finanzierungsfrage gescheitert.

Immer mehr unserer Themen wandern überdies nach Europa, wo wir noch sehr schwach aufgestellt sind. Dort entscheidet sich immer mehr. Und selbst wenn wir dort Leute hinschicken, die das in ihrer Freizeit machen, muss man denen doch zumindest die Fahrtkosten und Unterbringung finanzieren können. Und das muss regelmäßig geschehen. Politiker sind durchaus erreichbar. Aber wer am häufigsten zu ihnen vordringt, dem hören sie auch am meisten zu. Und das sind eben die von den großen Lobby-Organisationen mit den farbigen Prospekten. Ohne Budget kommen wir da definitiv nicht gegen an.

Lena Reinhard schreibt dazu:

Es braucht immer jemanden, der dafür sorgt, dass [man] gehört wird. Es braucht einen Hauptpetitor, der eine Petition im Bundestag vorträgt, es braucht Leute, die zu Demos gehen und welche, die bei Entscheidungsprozessen (und um die Beeinflussung derselben geht es ja bei “Bürgerprotesten”) mitwirken und diese digitalen Proteste ernst nehmen. Aber so lange es all diese offline-Protagonisten nicht gibt, kann online so viel protestiert werden, wie die Netze hergeben, – und im Zweifelsfall muss es niemanden interessieren. Es muss einen Weg geben, Politiker zu erreichen, das, was online passiert, ins offline-Dasein zu tragen, den Stimmen Gehör zu verschaffen – und in der Politik etwas zu erreichen. Und dieser Weg kann keine Partei sein. […] Was passiert, wenn man versucht, alles in extrem flache Hierarchien zu packen und basisdemokratisch zu entscheiden, ist seit einiger Zeit bei der Piratenpartei zu beobachten.

Natürlich können wir nicht auf Ehrenamt verzichten und es ist weiterhin der wichtigste Grundpfeiler unserer politischen Arbeit. Dabei dürfen wir jedoch nicht das Bezahlen von (z.B. unliebsamer oder zeitintensiver) Arbeit verteufeln. Nur ein offener Umgang damit ermöglicht es, dass Ehrenamtliche und Hauptamtliche zusammenarbeiten, ohne in Neid oder Missgunst zueinander zu verfallen.

Überall müssen sich Menschen rechtfertigen, wenn sie für ihre viele Arbeit, die sie in diesem Zusammenhang erledigen, Geld haben wollen. Der FoeBuD, der so eine Lobbyarbeit bereit seit vielen Jahren macht, muss sich häufig dafür rechtfertigen, ein „aggressives“ Fundraising zu betreiben, obwohl dies im Vergleich zu vielen anderen NGO’s echt harmlos ist.

Rein ehrenamtliche Strukturen führen zu großen Problemen. Das selbstauferlegte Verbot, Geld für seine Arbeit zu nehmen, ist nämlich selbst elitär. Den Luxus ehrenamtlichen Engagements können sich nämlich nur Menschen leisten, deren Lebensunterhalt ansonsten gedeckt ist, oder die auf Kosten Anderer leben, und/oder bereit sind spärlich zu leben.
Letzteres ist aber beispielsweise eine Entscheidung, die Eltern nicht so leicht treffen können, weil da ihre Kinder eben auch betroffen sind. Zumal Eltern ohnehin kaum noch Freizeit haben, in denen sie sich dann mit Ehrenamt beschäftigen könnten. Frauen wird zudem besonders wenig Freizeit zugestanden, Mütter sind meist auch in sehr gleichberechtigten Partnerschaften noch die Hauptzuständigen für die Versorgung der Kinder. Die Erhebung des Ehrenamtes, wie ich sie z.B. auch bei der letzten Wahl des Piratenparteivorsitzenden erlebt habe (dort wurde explizit danach gefragt und alle wurden hochumjubelt, wenn sie aussagten, gegen eine Bezahlung des Bundesvorstandes zu sein) grenzt also solche Menschen aus, die es sich nicht leisten können nebenher zu ihrer Arbeit noch Netzpolitik zu betreiben. Dies betrifft zu einem großen Teil auch die von vielen so stark vermissten (und aus unerfindlichen Gründen nicht so stark vertretenen) Frauen. Das bedeutet nicht, dass alle berufstätigen Mütter von Netzpolitik abgeschreckt werden. Wir haben da ein paar ganz aktive und produktive. Aber die sind auch schnell am Ende ihrer Kräfte und gehen uns auch schnell wieder verloren. Dabei zeigen sie große Fähigkeiten, die wir gut gebrauchen könnten.

Apropro am Ende der Kräfte:

Richtig übel ist, dass wir unsere Leute regelmäßig „verbrennen“. Früher fähige und produktive Menschen ziehen sich aus der Arbeit zurück, weil sie bemerkt haben, dass sie auch noch ein Leben neben der Netzpolitik haben. Wir beuten uns gegenseitig aus und berauben uns unserer wichtigsten Kräfte.

padeluun höre ich öfter sagen: Warum eigentlich immer nur unsere Feinde bezahlen? Warum bezahlen wir nicht lieber unsere Freunde?

Da ist was dran. Den Telefongesellschaften, Post, Bundesanzeiger etc. füttern wir (wenn auch ungerne) unser Geld, auch wenn wir das, was sie tun gar nicht gut finden. Von unseren Freunden erwarten wir, dass sie alles umsonst machen. Somit fließt das Geld nur aus unserer Bewegung raus, aber herein fließt es nur durch Arbeit, die außerhalb gemacht wird. Wäre es nicht viel besser, wenn wir das Geld etwas mehr in unserem „Ökosystem“ (wie Sascha Lobo es auf der re:publica so schön nennt) kursieren ließen?

Unser verschwurbeltes Verhältnis zum Ehrenamt, dazu, dass man Leute nicht bezahlen sollte und auch kein Geld einnehmen sollte steht uns im Weg und führt dazu, dass wir keinen Fuß auf den Boden der echten Politik kriegen.

Nochmal zur Erinnerung: Der heftige Protest gegen die Atomenergie, der nun die Atomwende (mit ein wenig Hilfe von Fukushima) und einen beachtlichen Sinneswandel in der Union verursacht hat, wurde von Organisationen organisiert, die Fundraising im großen Stil betreiben und ihre Angestellten bezahlen.

2) Die elitären Strukturen:

Wir haben hohe Ideale. Basisdemokratie ist sehr wünschenswert. Sie ist das einzige Konzept, das den Menschen richtig ernst nimmt. Dabei muss man allerdings aufpassen, dass Basisdemokratie nicht in Kontrollwahn ausartet.

Schon vor dem Aufkommen des Internets gab es basisdemokratische Versuche und alle mussten feststellen, dass sie ihre Grenzen hat. Vielleicht kann das Internet ja tatsächlich eine neue Chance für Basisdemokratie bieten. Doch nicht alle Probleme können dadurch behoben werden.

Diese Grenzen bekommt beispielsweise auch die Piratenpartei gerade schmerzhaft zu spüren. Basisdemokratie macht den Kahn beinahe unsteuerbar. Er ist robust, aber nicht sehr wendig. Entscheidungen brauchen ewig, und sind, auch wenn sie getroffen wurden, noch lange nicht verlässlich. Bei den Piraten würde eine starke Führung (im Sinne von weniger Basisdemokratie) wahrscheinlich zu mehr Akzeptanz und Ernstnehmen auf dem politischen Pflaster bedeuten. Denn das würde Verlässlichkeit vermitteln. Die Piraten haben sich jedoch zum Ziel gesetzt, sich ohne eine starke Führung zu etablieren. Gut, es mag wichtig sein, dass wir solche großen Basisdemokratie-Kähne in unserer Flotte haben. Aber wir brauchen auch die kleinen wendigen Demokratie-Boote, mit denen man flexibel ist und schnell Entscheidungen treffen kann.

Aus der Arbeit im „Bündnis Freiheit Statt Angst“ ist mir sehr gut bekannt, wie ermüdend und zermürbend ewige Diskussionen um Kleinigkeiten sein können. Sie nehmen einem den Spaß an der Arbeit; sie lassen einen ausbrennen. Und wenn man mit anderen Akteuren zusammenarbeitet, braucht man einfach klare, belastbare und oft schnelle Entscheidungen. Bei der Organisation der FSA ist es sehr wichtig, alle einzubeziehen. Wir haben sehr viel Energie da hinein gesteckt, dieses Mal wirklich alle einzubeziehen, die da mitentscheiden wollten. Wetten, dass sich dennoch hinterher eine Menge Menschen melden, denen wir es nicht recht gemacht haben? Erste Beschwerden wegen „Intransparenz“ und „mangelnder Kommunikation“ gab es schon. Manchmal kann man es einfach nicht allen recht machen. Und das ist unglaublich frustrierend.

Der FoeBuD wird häufig für seine hierarchischen Strukturen kritisiert. Ich persönlich finde die Arbeit dort jedoch wesentlich befriedigender, weil ich nicht die ganze Zeit das Gefühl habe, auf der Stelle zu treten. Und ich kann auch in diesen Strukturen viel mitbestimmen. Ich kann steuern: Ich kann einfach aufhören, dem FoeBuD Geld zu geben, wenn mir seine Grundrichtung nicht gefällt. So lange ich aber prinzipiell die Arbeit des FoeBuD unterstütze, wäre es sehr kontraproduktiv, wenn ich wegen jeder kleinen Entscheidung gleich einen Aufstand proben würde. Denn vielleicht kenne ich ja lediglich den Hintergrund der Entscheidung nicht. Und einen kleinen Verein wie den FoeBuD würde es lahm legen, wenn er zu jeder Handlung ein Mehrfaches an Zeit aufbringen müsste, um mir die genauen Gründe zu erklären. Die Piraten kranken gerade an genau dieser Krankheit. Und die vielen Diskussionen und Flames sind auch nicht gerade vertrauensfördernd. So bringe ich einfach etwas Vertrauen auf und entscheide abhängig von dem, was auf lange Sicht gesehen hinten ‚raus kommt, ob ich ihn weiter unterstütze, oder nicht.

Was ich damit sagen will: Basisdemokratie und Ehrenamt sind keine Allheilmittel. Manchmal ist man mit schnelleren Entscheidungsstrukturen besser beraten. Wir brauchen sowohl Gruppierungen, die das eine, als auch solche, die das andere machen. Und die sollten am besten zusammenarbeiten und damit ihre Stärken vereinen.
Es ist für unsere Bewegung äußerst schädlich, wenn wir uns gegenseitig (unreflektiert) für unsere Arbeitsweise verteufeln.

Es ist für das Erreichen unserer Ziele notwendig, dass wir Mythen hinterfragen und uns von ihnen verabschieden: Nicht jede Bewegungs-Arbeit muss ehrenamtlich sein und nicht jede Entscheidung muss basisdemokratisch getroffen werden. Wichtiger als solche Dogmen ist ein aufgeklärter, mündiger und wacher Umgang mit der Demokratie.

Heute feiern die Piratinnen ihren ersten Geburtstag

Vor genau einem Jahr hatte ich die Piratinnen ins Leben gerufen. Was eine große Supportaktion für die Piratenpartei werden sollte, verkehrte sich ins Gegenteil. Kaum jemand hatte meine Pressemitteilung selbst gelesen, in der ich darauf hinwies, dass die Piratinnen eine große Chance für unseren charmanten Nerdhaufen sind und dass es sich keineswegs darum handle, die Piraten des Androzentrismus‘ zu verfluchen. (Dass sie jetzt doch wie ein großer androzentristischer Haufen wirken ist den Reaktionen geschuldet, nicht meiner PM.)

(Vorstand der Piratenpartei 2010/2011)

Setzen sich diese Männer für die Belange von Frauen ein?

Im Verlauf der Diskussion wiesen einige darauf hin, dass eine Partei, die sich der Hälfte der potentiellen Wählerschaft gegenüber derart unwählbar macht, nicht lange Aussicht auf Bestand habe.

Darauf entgegneten vor allem die Frauen in der Piratenpartei, dass sie sich nicht diskriminiert fühlten bzw. warfen die Frage auf, wo diese „Diskriminierung“ überhaupt stattfinde.

Um mit Deep Thougt zu sprechen: „Knifflig“. Diese Form der Diskriminierung lässt sich nicht so einfach benennen. Es handelt sich meist um subtile Situationen, die man gerade aufgrund ihrer Subtilität nicht exakt benennen kann. Oder es ist für schlichtere Gemüter sehr schwierig, dies eindeutig auf eine Geschlechtszugehörigkeit zurückzuführen. Das nicht benennen könne: Das macht diese Diskriminierungsform so schlimm. Klar: Wenn mich ein Typ angrapscht, werden alle Piraten [1] empört sein und ihm die Meinung sagen. Wenn er mich (mehr oder weniger unbewusst) zu einem Stereotypen einordnet oder von mir erwartet, dass ich mich seinen angelernten Lebensweisen unterordne, kann ich da nicht wirklich mit dem Finger drauf deuten und mich nur schwer dagegen wehren.

Im Laufe der Geschichte haben wir gelernt, dass Umgangsformen von denen erschaffen werden, die in der Mehrheit sind. Das sind im Fall der Piratenpartei klar die Männer. Dort fühlen sich also nur die Frauen wohl, die mit männlichen Umgangsformen klar kommen, oder das zumindest glauben. Die von allen so verhasste Quote ist (an anderer Stelle) nur der Versuch, zunächst mehr Frauen in solche Posten zu bekommen, wo sie wirklich mitgestalten, damit auch die anderen Lust haben dazu zu kommen.

Die Vorspeisenplatte
erklärt den Bedarf einer Quote so:

Solange die Spielregeln für den Aufstieg in Machtpositionen […] von der überwältigenden männlichen Mehrheit bestimmt werden, bewusst oder unbewusst, werden nicht genug Frauen mitspielen wollen. Erst wenn ein kritischer Anteil an weiblicher Mitgestaltung erreicht wird, ändern sich diese Spielregeln – und machen es der nächsten Aufsteigerinnengeneration einfacher, sich darauf einzulassen.

Da bei den Piraten eine Quote absolut unrealistisch (und daher auch die Diskussion darüber nur schädlich) ist, waren die Piratinnen ein Versuch, für Frauen eine Art sicherer Hafen zu sein, in denen sie die Umgangsform bestimmen und sich gemeinsam unterstützen können. Der Versuch einer Alternative zur Quote!

Das war uns von Anfang an nicht vergönnt. Die Mailingliste war kein sicherer Ort. Man musste sich darüber im klaren sein, dass alles darin geleaked und in der Außenwelt zerrissen würde. Mehrere Frauen vertrauten mir im Nachhinein an, dass sie sich von den Piratinnen nur deshalb öffentlich distanzierten, weil sie befürchteten einen Shitstorm auf sich zu ziehen. In der Liste versammelten sich auch mehr und mehr Gegnerinnen der Piratinnen, die eine vertraute Atmosphäre unmöglich machten. Produktive Gespräche waren somit schnell nicht mehr möglich.

Als ich vor gut einer Woche auf der Liste (auf der seit August letzten Jahres nichts mehr passiert war) eine Nachricht mit der Anfrage schrieb, ob wir anlässlich des Geburtstages etwas machen wollten waren die Antworten höchst aussagekräftig:

Natürlich fand ich kurz darauf meine Anfrage in einem Piratepad geleaked und fand es sehr amüsant, dass es offensichtlich immer noch Menschen gibt, die diese Liste für derart gefährlich halten, dass jedweder Inhalt dringend nach außen getragen werden muss.

Die Antworten innerhalb der Liste waren auch spannend. Zum einen meldeten sich Frauen [2] zu Wort, die zum Ausdruck bringen wollten, wie blöd sie die Piratinnen finden. Ich war kurz davor, eine Abstimmung abzuhalten, ob wir die Liste nicht lieber in „Anti-Piratinnen“ umtaufen sollten, als dann auch Nachrichten von Frauen kamen, die ausdrückten, dass und warum sie sich von der Piratenpartei distanziert hätten.

Frauen distanzieren sich aufgrund der androzentrischen Strukturen von der Piratenpartei: Um genau das zu verhindern, war ich damals mit dieser Idee angetreten.

Es sollte genau darum gehen, dass Frauen nicht vergrault werden, auch wenn die Umgangsformen manchmal etwas hart sein können. Einen Rückzugsort zu bieten, wo es einfach anders ist. Stattdessen hat die Polarisierung weiter zugenommen. Die Frauen, die eine andere Umgangsform wichtig finden haben der Piratenpartei den Rücken zu gedreht. Daran arbeiten, dass die Piratenpartei auch für Frauen attraktiver wird, wollte nur eine einzige andere Frau und auch die äußerte nicht viel Hoffnung.

Und nun mehren sich die Vorfälle in denen sich Frauen, auch solche, die mir damals viel entgegen setzten, aus der aktiven Arbeit der Piraten zurück ziehen.

Ich möchte hier keinen Zusammenhang unterstellen. Aber ich möchte darauf hinweisen, dass der Verlust dieser starken Frauen in der aktiven Arbeit, für die Piraten sehr herbe ist. Und dass es zumindest im Ausblick dazu führen wird, dass die Umgangsformen bei den Piraten sich nicht unbedingt zum besseren ändern werden.

Aber – read my lips – Liebe Piraten, wir haben (nach wie vor) ein Problem

In meiner so „bösen“ Pressemitteilung habe ich geschrieben:

Die Piratinnen sind eine gute Möglichkeit, eine breitere Menge an Frauen zu erreichen, und sie mehr in das netzpolitische Geschehen zu integrieren. Ob sich die Piratenpartei dies zu Nutze machen wird, wird sich zeigen.

Wir Piraten haben unsere Chance zu einer „einfachen“ Lösung vertan. Wir dürfen gespannt sein, ob wir es dennoch schaffen, uns zu einer ernstzunehmenden Partei zu entwickeln. Die derzeitigen Probleme, die irgendwie nur Konflikte nach innen zu sein scheinen, lassen da eher nicht so viel Hoffnung aufkommen.

——-
Fußnoten:
[1] Pirat ist ja angeblich geschlechtsneutral ;-) Von daher dürfen sich Frauen in diesem einen Fall mitgemeint fühlen.
[2] Ich bin mir darüber bewusst, dass sich auf der Liste nicht nur Frauen befinden. Offiziell tun sie das aber und somit spreche ich auch nur von ihnen. Wenigstens haben wir hier einmal die Situation umgedreht.

Liebesbrief an den SMPlayer

I love Free Software!

Heute ist ja Valentinstag und den möchte ich mal nutzen, euch im Rahmen der I Love Free Software Kampagne der FSFE, ein Stück Software vorzustellen, ohne das ich ungerne leben würde: Der SMPlayer

Weshalb mache ich hier so platt Werbung für eine Software?
Seit dem Workshop Frauen am Netz in Berlin habe ich vor, gelegentlich ein paar hilfreiche Stücke Software vorzustellen. Auf diesem Workshop haben viele Frauen sehr viel Interesse an Infos über gute Programme geäußert und mir ist aufgefallen, dass sich viele unsicher sind, was gut ist und sich Software-Empfehlungen wünschen.
Und da habe ich mir überlegt, dass ich einfach gelegentlich mal gute Software empfehlen möchte und das eben aber in einer Sprache für „Normalsterbliche“. Und was würde sich als Auftakt für so eine Reihe besser eignen, als der „Ich liebe Freie Software Tag“ (äääh Valentinstag)? Versteht sich, dass ich keine proprietäre Software empfehlen werde.


Aber zurück zum SMPlayer:
Der SMPlayer ist die annähernd perfekte Kombination aus den Vorteilen von MPlayer und VLC-Player (=die gängigsten freien Mediaplayer. Den Windows Media Player möchte ich hier gar nicht erwähnen, da der unfrei und einen wirklich einschränkt).
Wobei er verwandschaftlich dem MPlayer näher steht, aber dennoch ein eigenes Software-Projekt ist.
Wofür das „S“ steht ist unklar, selbst die Entwickler behaupten, das nicht zu wissen. Spekulationen gehen von „Super“ über „Super Metroid“ (als Anspielung auf eine Nintendospielreihe) zu „surface“.

Wie der VLC spielt der SMPlayer nahezu alle Dateien ohne Probleme ab und hat dazu umfangreiche und sehr brauchbare Funktionen.
Er ist intuitiv bedienbar. Doppelklick wechselt zu Vollbild aber auch die Shortcuts des MPlayers (wie z.B. Vollbild durch „F“) sind weitgehend integriert. Wenn man eine Wiedergabe unterbricht merkt er sich, wo man zuletzt war und spielt beim nächsten Mal an der gleichen Stelle weiter.

Wenn ich andere Player nutzen muss, fehlen mir am meisten zwei Funktionen, die komischerweise nur MPlayer und SMPlayer haben:

  • Die Pfeiltasten: nach rechts und links springt um zehn Sekunden vor und zurück; nach oben und unten springt um zehn Minuten vor und zurück. Unglaublich, wie schnell man diese Funktion vermisst, wenn man sich einmal dran gewöhnt hat.
  • Ganz besonders toll finde ich die Untertitelfunktion. Der SMPlayer integriert die Datenbank von OpenSubtitles.org. Das ist eine Plattform, auf der ein großes Angebot an Untertiteln gesammelt wird. Diese werden von der Community produziert und sind in sehr großem Umfang und sehr schnell vorhanden. Gerade für mich, die Filme gerne im Originalton ansieht ist es großartig, immer die passenden Untertitel zur Hand zu haben. Es ist außerdem klasse, wie viele Sprachen es da zu finden gibt, was ich auch aus gesellschaftlicher Sicht prima finde, weil es Kultur auch denen zugänglich macht, die davon sonst sprachlich ausgeschlossen wären. Und das alles von der Community getragen. Das ist also ein Beispiel für ein gelungenes Community-Projekt. Und der SMPlayer bindet diese riesige Plattform ganz bequem ein: mit ein paar Klicks kann man sich zu fast allem Untertitel in diversen Sprachen dazuschalten.

Ich werde den heutigen Tag zum Anlass nehmen, meinen Dank und meine Anerkennung dem SMPlayer-Team mit einer kleinen Mail mitzuteilen.

Lieber SMPlayer und liebe Freie Software! Zum Valentinstag sende ich dir die allerherzlichsten Grüße!

Geisterstadt Regierungsviertel – Von Barrieren und Bürgernähe

Seit im letzten November eine Briefbombe durch die normale Sicherheitskontrolle des Kanzleramtes aufgehalten wurde und somit die Kanzlerin nicht erreicht hatte sind ja rund um die Regierungsgebäude die Sicherheitsvorkehrungen erhöht worden. Man könnte zwar meinen, dass der Fund der Bombe ein Hinweis darauf ist, dass die Sicherheitsbestimmungen ausreichend sind, doch Bundestagspräsident Norbert Lammert ließ dennoch verstärkte Sicherheitskontrollen abhalten.
Da ich häufiger im Paul Löbe Haus unterwegs bin, hat mich das direkt betroffen.
Ich möchte jetzt nicht über die persönlichen Unannehmlichkeiten sprechen, die das bedeutete sondern eher meine Beobachtungen schildern:

  • Das gesamte Gelände rund um die Regierungsgebäude ist abgeriegelt, nur Menschen mit Bundestagsausweis (und deren Begleitung) dürfen diesen Bereich betreten. Das hat zum Ergebnis, dass das gesamte Gelände irgendwie gruselig ist. Wo sonst ein buntes Treiben herrscht und alle möglichen Menschen zwischen den gläsernen Bauten umher spazieren sieht man nur noch vereinzelte Schlipsträger und Polizeitrupps. Irgendwie riecht es hier ein bisschen nach Totalitarismus. Und das, wo doch die Gebäude extra so gläsern gebaut wurden, um die Offenheit zum Volk zu symbolisieren.
  • Die Polizei (jedenfalls die vor Ort) ist über keine erhöhte Sicherheitslage informiert. Man steht dort, weil Bundestagspräsident Lammert es so will.
  • Während der Rest des Landes die Möglichkeiten eines Terroranschlages schon lange wieder im Alltag verdrängt hat, werden die Abgeordneten tagtäglich daran erinnert. Viele äußern, ein mulmiges Gefühl zu haben. Die EntscheidungsträgerInnen unseres Landes werden durch die tagtägliche Schikane stets erneut daran erinnert, dass es jeden Tag „bumm“ machen könnte. Die Gefahr des Terrorismus wird hier durch Regelmäßigkeit unterbewusst auch in die aufgeklärtesten Köpfe platziert. Mit so einem mulmigen Gefühl stimmt man dann auch eher mal für Antiterror- oder Überwachungsgesetze, auch wenn die gar nichts helfen. Ein Schelm, wer da Absicht unterstellt.

Gerade wurden in Nordreinwestfahlen die Sicherheitsmaßnahmen weiter zurückgestuft. Doch letzten Montag war der Bereich um die Regierungsgebäude immernoch für Fußvolk gesperrt.

Vielleicht wird es langsam Zeit, dass wir uns die erneute Freigabe unseres öffentlichen Raumes „erbitten“. Schließlich hat es nicht nur symbolische Bedeutung, wenn das Volk derart von seinen Regierungsgebäuden fern gehalten wird.

Update: Mittlerweile sind die Sperren größtenteils verschwunden. Die Lektion, die sie uns lehrten bleibt aber: Man muss nicht dem Volk Angst einjagen, sondern den Politikerinnen und Politikern. Denn die verlängern ja die Anti-Terror-Gesetze.

Frauen und (Freie) Software

Auf den letzten Chemnitzer Linuxtagen habe ich ja einen Vortrag zum Thema Frauen und (Freie) Software gehalten.
Den gab es die ganze Zeit nur als Audio-File. Neulich, als ich mal wieder auf die Seite schaute, stellte ich fest, dass irgendwann in den letzten Monaten auch das Video dazugekommen ist.
Jetzt kann man sich den Vortrag also auch als Video ansehen.
Ich finde es ja super, dass die das machen. Allerdings finde ich es schon etwas merkwürdig, dass selbst der CLT die Videos mit flash einbindet.
Deswegen begrüße ich sehr, dass Torsten das Video zum download auf blip gelegt hat.

Zwischenzeitlich wurde sogar ein Torrent draus gemacht

Aufruf zur Hilfe: Filmprojekt gegen die Vorratsdatenspeicherung

Daniel Neun und ich haben ein Filmprojekt des AK-Vorrats gegen die Vorratsdatenspeicherung übernommen.
Darin geht es darum, dass viele Leute Videos eingeschickt haben, in denen sie unserem Innenminister erklären, warum sie gegen die VDS sind.
Um diese gut zusammenschneiden zu können, brauche ich eure Unterstützung:

Ich suche Leute, die Lust haben ein oder gerne auch mehrere dieser (ziemlich kurzen) Videos zu transkribieren.

Transkribieren bedeutet: Video ansehen und dabei wortwörtlich aufschreiben, was die Leute im Video sagen (inkl. „äh“s und so) und jede Minute die Videozeit zu notieren (wichtig!).

Alle Helferinnen und Helfer werden natürlich im Abspann dankend erwähnt werden. Gebt also bitte an, mit welchem (Nick-)Namen ihr da auftauchen wollt.

Wenn ihr das Projekt unterstützen wollt, schickt eine Mail an mail@leena.de ich weise euch dann eine Datei (oder mehrere) zu.

Gebt euch einen Ruck und unterstützt den Kampf gegen die Vorratsdatenspeicherung!

Let’s crowd-source!!

Update: Leider fand sich kein geeigneter Rechner an dem ich arbeiten könnte. Wenn sich jemand mit Premiere und Codecs auskennt (aka mir einen Arbeitsplatz einrichten könnte) oder das Projekt gerne übernehmen würde, bitte melden.

Update2: So. Der FIlm ist nun fertig und mit wenig Wind online gegangen. Leider wurde die Aktion vom AKV nicht wirklich bekannt gemacht. Ich finde das schade, weil sich viele Leute viel Arbeit gemacht haben und Friedrich so etwas wohl nur dann ernst nehmen würde, wenn es auch spürbar in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Ein medienwirksamer Abschluss wäre Teil der Aktion gewesen und hätte auch in unsere Bewegung wieder mehr Wind bringen können. Schade, dass das nun so verhungert ist.
Ich danke aber trotzdem für die zahlreiche Unterstützung beim Video!

Neue Trendsportart: Extreme Technikpaternalisting

Ich bin gerade so schön am Hausarbeit schreiben und stoße auf eine kleine Anekdote, die ich unmöglich in einer wissenschaftlichen Arbeit unterbringen kann. Da ich aber ohnehin nach einer Gelegenheit suche, zu prokrastinieren und das gerade unbedingt loswerden möchte, muss mein Blog jetzt dran glauben.

Also: Ich stand neulich (eigentlich ist es schon einige Zeit her, was man an den gleichbeschriebenen Wetterzuständen erkennt), nämlich während der kurzen aber heftigen Hitzeperiode, die uns dieser Sommer beschert hat, in einer total überfüllten Regionalbahn auf dem Weg nach Hause.

(Jetzt kann ich mir einen kleinen Seitenhieb gegen die Bahn nicht verkneifen: Das Problem mit den ausgefallenen Klimaanlagen gibt es nämlich in den Regionalzügen ganz besonders doll. Zum Glück kann man dort aber noch bei einigen Bahnen die Fenster etwas öffnen. Was aber bei Überfüllung nicht viel hilft. Durch eine unverifizierte Quelle habe ich mal gehört, dass die Klimaanlagen halt die ganze Zeit versuchen, die angestrebten 19 Grad zu erreichen und sich dabei im Hochsommer halt einfach total überfordern. Aber anstatt den Klimaanlagen dann realistischere 28 Grad als Ziel anzubieten, die bei 40 Grad ja immer noch eine enorme Verbesserung darstellen würden, müssen die Dinger halt so lange böllern um die utopistischen 19 Grad zu erreichen, bis sie die Grätsche machen und man sich über unerträgliche 50 Grad und mehr freuen darf.)

Die Regionalbahn, in der ich mir einen letzten Platz an der Tür ergattert hatte war jedenfalls nicht klimatisiert, dafür aber brechend voll und fuhr durch 40 Grad Außentemperatur. Das heißt, eigentlich stand sie im Bahnhof rum und fuhr überhaupt nicht. Aus welchem Grund auch immer.
Bevor diese Züge losfahren fangen ja die Türen immer an ohrenbetäubend zu Piepen und dann gehen sie zu, und lassen sich auch nicht von einem Menschen aufhalten, der auf den Tür-öffnen-Knopf drückt.
Diese Information ist für meine Anekdote entscheidend und, wie ich lernen sollte, nicht so offensichtlich, wie man vielleicht annehmen könnte.
Wir standen also eingepfercht in der unbewegten beweglichen Sauna und tauschten unsere Schweißperlen gegeneinander aus, während wir warteten, dass das Ding sich endlich in Bewegung setzen würde.
Mein Platz an der Tür verlieh mir das Privileg, die Tür öffnen zu können. Ich drückte den Knopf, die Tür öffnete sich und ein Zug angenehmer und frischer Luft durchströmte den Wagen. Jedenfalls so lange, bis die Tür nach dem programmierten Zeitintervall unter der üblichen Geräuschkulisse automatisch wieder zu ging. Der Zug blieb stehen. Ich öffnete sie erneut und versorgte mich und die anderen Fahrgäste mit erträglicher Luft. Schließlich erkannte ich die Verantwortung, die mir mein privilegierter Platz an der Tür auferlegte, die ich eben auch meinen Mitmenschen gegenüber trug. Ich beschloss, bis zum endgültigen Türschließen vor der Abfahrt (wogegen ich mit Knopf-drücken ja ohnehin nichts hätte ausrichten können) die Frischluftversorgung sicherzustellen. Immer wenn die Tür Anstand machte, sich wieder zu schließen, hinderte ich sie daran mit einem erneuten Knopfdruck. Was ihr außerdem auch das nervige Gepiepe abschnitt.
Man könnte ja meinen, meine Mitmenschen hätten mein Bemühen gewürdigt und sich an der frischen Luft erfreut. Oder wenigstens einfach keine Notiz davon genommen. Doch die dachten gar nicht daran.
Neinein die blufften mich an, ich solle gefälligst damit aufhören, weil sonst der Zug nicht losfahre. (Das ist doch überall so: Durch einfaches Tür-auf-Knopf-drücken lässt sich jede S-, R- und U-Bahn aufhalten. ironieaus) Ich versuchte zu erläutern, dass ich darauf gar keinen Einfluss habe und dass sich die Türen von mir gar nicht offen halten lassen würden, wenn der Zug vor habe, sich in Bewegung zu setzen. Doch es entwickelte sich ein regelrechter Mob, der mich anwies, die Türen geschlossen zu halten. Schließlich fügte ich mich der Weisheit der Masse (not) und roch zu, wie der Sauerstoffgehalt im Wagen in ähnlich rasantem Temo sank, wie die Temeratur stieg.

Wir wollen keine lebensgerechten Raumbedingungen! Wir wollen alle dumm rum stehen, und uns sicher sein, dass alles was passiert schon irgendeinen Sinn ergibt. Und wenn die Zugtüren nach einer Weile zu gehen, dann wird es dafür ja einen guten Grund geben. Warum sollten wir darüber nachdenken? Ist doch nicht so, dass Sauerstoff so wichtig wäre. Außerdem kann man dann so schön nach Hause gehen und sich drüber beschweren, dass die dumme überhitzte Bahn eine Viertelstunde lang nicht weiter gefahren ist und alles ganz schlimm war.
So ist das mit dem Technikpaternalismus. Man denkt nicht mehr darüber nach, was die Technik eigentlich bewirkt. Man sucht nur noch nach Wegen, wie man ihr brav folgen kann. Und das wurde in dem Fall dann auch noch mit vorauseilendem Gehorsam gepaart. Man achtet nicht mehr darauf, wie die Technik arbeitet und was sie erlaubt und was sie bezweckt.
Nein: Man versucht nur, ihr möglichst alles recht zu machen und setzt sich Situationen aus, die gar nicht nötig wären, um die Technik nicht zu ärgern.
In Gedanken schickte ich einen Gruß an alle Hacker, und konnte nicht fassen, dass die Mentalität, einen Zustand der mir von Technik aufoktruiert wird einfach zu ändern, auch in dieser banalen Situation notwendig war.
War es tatsächlich meine Hacker-Mentalität, die dazu führte, dass meine selbstverständliche Idee zur Frischluftversorgung von den anderen nicht verstanden wurde? Jedenfalls wünschte ich mich in dem Moment zurück zu meinen Nerd-Freunden und stellte fest, dass diese Situation wohl gänzlich anders verlaufen wäre, wenn sich im Zug nur Vertreter dieser Gattung befunden hätten. (Wahrscheinlich hätten wir die 15 Minuten genutzt, um ein perfektes System zu entwickeln, die Türen so effizient wie möglich offen zu halten.)
Gruselig die Vorstellung, was Technikpaternalismus in der Gesellschaft noch alles anrichten kann. Immerhin haben die Menschen ihre Bereitschaft bewiesen, sogar auf Atemluft zu verzichten, um es der Technik recht machen zu können. Das ist schon ziemlich grenzenloser Gehorsam. Öhm… wie war das doch gleich mit den Gefahren grenzenlosen Gehorsams? (Ich verzichte an dieser Stelle auf eine makabere Verlinkung.)

Übrigens war ich gerade auf dem Heimweg von der Uni. Die mitfahrenden Mitmenschen waren also allesamt das, was man im Volksmund als Bildungsbürgertum bezeichnet.
Bildung und Technikhörigeit widersprechen einander also nicht wirklich.

Hoch lebe das Goldene Kalb der technisierten Welt.
Und nicht vergessen: Du sollst dir kein Urteil bilden über deinen Mammon!

Video: Freiheit-Statt-Angst-Aufruf

Für die diesjährige Freiheit-Statt-Angst-Demo habe ich das Promovideo geschnitten und zusammen mit Daniel Neun produziert. Bitte nicht zu viel von der Qualität erwarten – eine Cutterin ist immer nur so gut, wie das Material, was sie zur Verfügung hat..

Wer für das Video flattrn will, kann das tun, indem sier den Button aus diesem Beitrag bemüht.

Vielen Dank für die viele Unterstützung von allen Unterstützenden.

Und nicht vergessen, am 11.September 2010 auf die Demo zu kommen! (13:00 Uhr, Potsdamer Platz)

Blogumzug

Ich habe mein Blog umgezogen. Dabei sind mir die Datumsangaben der älteren Blogartikel etwas durcheinander geraten. Alles was älter ist, als dieser Beitrag befindet sich auf meinem alten Blog mit dem richtigen Datum und den Kommentaren. Ich hoffe, ihr entschuldigt die Unanehmlichkeiten.

Piratenpartei: Shitbecher oder Flucht ins Exil

dionysiustheater-immanuel_giel

Wegen eines „Shitstorms“ floh der attische Feldherr und Redner Alkibiades aus seiner Geburtstadt Athen vor 2500 Jahren nach Sparta. In der jungen attischen Demokratie war es nämlich möglich, politisch derart in Ungnade zu fallen, dass häufig nur (sofern man den Giftbecher nicht trinken wollte) die Flucht ins Exil blieb. Ich fühle mich von der Piratenpartei manchmal an die alten Griechen erinnert, die ihre Form der Demokratie auch erst einmal erfinden und ausprobieren mussten. Auch diese haben dabei viele Fehler gemacht.

Der Bundesvorstand der Piratenpartei entschied den bundesweiten Einsatz von Liquid Feedback erst später einzuführen. Beisitzer Benjamin Stöcker trat zurück. Innerhalb der Piratenpartei sorgte das für heftigen Wind mittschiffs.

Der Konflikt dabei dreht sich um das Spannungsfeld, das zwischen den ‚piratigen‘ Werten „Transparenz“ und „Privatssphäre“ entsteht.

In den Auseinandersetzungen um meine Bemühungen, einen geschützten Raum für Frauen in der Piratenpartei zu schaffen, fiel mir schon häufig auf, dass viele Piraten (ähnlich wie mit dem Begriff Postfeminismus) den Begriff „Transparenz“ sehr schwammig verwenden. Manche scheinen vergessen zu haben, dass auf den Freiheit-statt-Angst-Demos unglaublich viele Piratenflaggen zu sehen waren. Zur Erinnerung: Bei diesen Demos geht es um Datenschutz – und um Privatsphäre. Die Piraten fordern nämlich gar keine bedingungslose Transparenz, sondern mehr Transparenz in der Politik. Leider wird die Forderung nach Transparenz allzuhäufig missverstanden oder so dogmatisch verfolgt, dass man selbst mit VIEL gutem Willen nicht mehr mitziehen möchte. Es ist keine Frage um ALLES oder NICHTS. Aufgabe der Piraten müsste sein, eine gute Balance zwischen Privatsphäre (ALLES) und Transparenz (NICHTS) zu finden. Dies geht nur mit viel Geduld und gegenseitigem Respekt. Leider ist dies bei den Piraten nicht so sehr zu finden.

Ich habe den Konflikt um Liquid Feedback und Benjamin Stöcker nur am Rande mitbekommen. Ich kann daher darüber nicht beurteilen, wer nun „Recht“ hat oder wer sich „falsch“ verhalten hat. Maha hat einen Versuch gewagt und Jens Seipenbusch äußert sich in einem Interview.
Was mir jedoch extrem unangenehm auffällt ist die Aggressivität, mit der die Piraten ihre Konflikte austragen.

Allen ist völlig klar (hoffe ich), dass ein neues Tool, wie Liqid Feedback (LF) zunächst erprobt werden muss. Dafür ist ein Echtbetrieb unerlässlich und deshalb haben wir uns auf dem letzten Parteitag für die bundesweite Einführung von LF entschieden. Denn LF hat es – im Gegensatz zu vieler anderer Bananensoftware – verdient, bei uns zu reifen. Egal wie viele Gedanken man sich um ein derartiges Projekt im Vorfeld macht: Die tatsächlichen Probleme und Fragen tauchen erst im laufenden Betrieb auf. Genau deswegen ist es so wichtig, dass die Piraten dieses Tool nutzen und damit ausprobieren. Es KANN noch gar nicht perfekt sein und Lösungen zu den auftretenden Schwierigkeiten müssen im Diskurs gefunden werden. Für einen Diskurs ist jedoch wichtig, dass es Vertreter unterschiedlicher Positionen gibt und dass auch Minderheiten Gehör finden.

Der Konflikt zwischen „Transparenz“ und „Privatsphäre“ ist ein erstes Problem, dass nun aufgetreten ist. Das ist zunächst nichts schlimmes, denn darum geht es ja genau in einem Testbetrieb: Probleme müssen erst erkannt werden, bevor man sie lösen kann.
Beide Seiten haben gute Argumente. Jetzt geht es darum, eine Lösung zu finden, bei der wir möglichst viele Vorteile und möglichst wenige Nachteile aus beiden Seiten „raus holen“ können. Keine leichte Aufgabe. Das nennt man übrigens Politik.

Das Problem der Piraten ist also nicht der Konflikt um LF oder um ihre Grundprinzipien. Beides sind großartige Ideen die volle Unterstützung verdienen!

Das Problem liegt eher darin, dass Konflikte innerhalb der Piratenpartei dazu neigen, dogmatisch und destruktiv zu werden. Schnell wird da der Tonfall ziemlich rauh. Wir verlassen die konstruktive Ebene des Diskurses hin zu gegenseitigen Beleidigungen, Anfeindungen und manchmal sogar Drohungen. Die konstruktiven Diskussionsversuche gehen dagegen unter. Die vielen Piraten, die wirklich an einer guten Lösung interessiert sind werden niedergeschrie[h|b]en. In der Wahrnehmung rücken sie in den Hintergrund. Die Piraten haben ein Trollproblem.

Das große Schild „Bitte nicht die Trolle füttern“ -Schild scheint wirkungslos zu sein. Es ist nicht so einfach, sie verhungern zu lassen. Trolle sind Allesfresser und werden immer etwas zu fressen finden. Denn wo gehobelt wird (und hobeln ist wichtig!), fallen auch Späne. Das ist immer leckeres Trollfutter. Deshalb muss sich der piratische Umgang mit Trollen erweitern und damit modernisieren. Da müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen. Ein Anfang wäre: Einfach schon mal ein bisschen freundlicher oder wenigstens höflicher zueinander zu sein.

Die Trollbekämpfungmethode 1.0 „don’t feed the trolls“ reicht nicht aus und ist deswegen schlecht für die Partei. Wer heute für den Vorstand kandidiert, muss sich darüber im Klaren sein, dass man so nicht nur dem einen oder dem anderen „Shit-Storm“ sondern einer ewig andauernden Serie von „Shit-Hurricanes“ ausgeliefert sein wird.

Gut. Auch in anderen Parteien muss sich der Vorstand Kritik stellen. Und auch bei der einen oder anderen Beleidigung weghören. Das ist Teil dieses Amtes. Man könnte jedoch ein gewisses Maß an Solidarität erwarten, das unabhängig von den inhaltlichen Differenzen existiert. Schließlich ist man in der selben Partei und verfolgt die selbe große Idee.

Wer für den Vorstand der Piraten kandidiert muss nicht nur über die persönliche Integrität verfügen, die innerparteilichen Differenzen auszuhalten, sondern muss sich auch darauf vorbereiten, den Trollen zum Fraß vorgeworfen und beleidigt und beschimpft zu werden. Das dürfte eine Menge sehr fähiger Leute ausreichend abschrecken, nicht zum Vorstand zu kandidieren. Und das könnten wohlbemerkt die konfliktfähigeren Menschen sein, die wir so dringend im Vorstand brauchen würden, die aber keine Lust haben sich diesen Kindergarten hin zu geben. Denn man muss entweder einen leicht masochistischen Charakter oder eben die „Balls of Steal“ haben, um ohne Persönlichkeitsschaden freiwillig auf solch einen Posten zu kandidieren. (Ich weiß, wovon ich spreche.)
Ich kann mir vorstellen, dass viele fähige Leute keine Lust haben, sich solchen Anfeindungen auszusetzen um politische Arbeit machen zu können, oder sehr gut darauf verzichten können, zur Kindergartentante zu werden, die den Jungs erst mal die Grundlagen des respektvollen Umgangs beibringen muss.

Das heißt auch für mich, dass ich mir gründlich überlegen muss, ob ich noch einmal für den Vorsitz kandidieren möchte.

Wenn die Piraten aber nicht konfliktfähig sind, sind sie auch nicht in der Lage, gemeinsam die Probleme zu lösen, die unweigerlich entstehen, wenn man sich auf einen Modellversuch wie Liquid Feedback einlässt.

Es wäre schade, wenn das Projekt daran scheitern würde, dass die Piraten nicht konfliktfähig sind. Schließlich wird LF mittlerweile auch im Bundestag diskutiert. Die Internetenquete verhandelt gerade über die Einführung von LF zur besseren Einbindung des sogenannten „18. Sachverständigen“ (das sind wir, also die Bevölkerung), woran ich übrigens nicht ganz unbeteiligt bin. LF ist also ein wichtiges Tool, was auch ernst genommen wird. Wir müssen jetzt nur aufpassen, dass wir es nicht durch unsere eigenen Konflikte um seine Glaubwürdigkeit berauben.

Einer meiner massivsten Kritikpunkte, die ich am Bundesvorstand habe ist, dass er sich vorhandenen Konflikten nicht stellt. Dies kann ich in diesem Fall allerdings nicht bemängeln. Manche Konflikte sind notwendig und bringen unweigerlich auch menschliche Fehler mit ins Spiel. Damit wir nicht total handlungsunfähig werden, sollten wir (und ich kann nicht glauben, dass ich an dieser Stelle den BuVo verteidige, an dem ich sonst ungern ein gutes Haar lasse ;-) den Vorstand nicht dafür zerlegen, dass er sich endlich mal einem Konflikt gestellt hat. Für einen konstruktiven Umgang miteinander brauchen wir Nachsicht und Respekt für einander.

Das Problem ist nicht die scheinbare Unvereinbarkeit von Transparenz und Privatssphäre. Das Problem ist, dass wir Piraten nicht konfliktfähig sind und uns von Trollen allzu häufig reinpfuschen lassen. Das ist schade. Denn damit treiben wir viele fähige Menschen weg von uns und vielleicht sogar direkt in die Arme der gegnerischen Parteien.

Damit würden wir den gleichen Fehler machen, wie die alten Athener, die ihre tolle Idee damit zerstört haben, dass sie allzu oft ihre fähigsten Menschen ins Exil geschickt haben. Fähige Menschen neigen nämlich dazu, ihr Potential dann an anderer Stelle einzusetzen und so wurde Athen dann unter anderem mit den eigenen Leuten durch Sparta besiegt. So wie der eingangs erwähnte Alkibiades, der seine taktische Fähigkeiten letztlich gegen seine ehemalige Heimat Athen einsetzte und Sparta zum Sieg verhalf.