Kollateralschäden des Urheberrechts

Wieder und wieder hören und lesen wir es: Das Urheberrecht muss reformiert werden. Das geben mittlerweile sogar die oft als verstaubt angesehenen Konservativen zu. Komischerweise hält sich jedoch das Vorurteil hartnäckig, dass eine Reformation des Urheberrechts mit dessen Abschaffung gleichzusetzen sei. Das fordern natürlich nur die wenigsten, funktioniert jedoch immernoch als stärkstes Gegenargument: „Aber die Urheber müssen doch auch für ihre Arbeit entlohnt werden!
Meist ist die Antwort auf dieses flache Argument, dass es ja gerade auch um den Schutz der Urheberinnen geht und dass Kultur davon lebt, dass sie sich reproduziert und aufeinander aufbaut. Das ist auch völlig korrekt (und dazu haben sich schon viele zu Wort gemeldet). Jedoch ist es nicht der einzige Grund, weshalb das derzeitige Urheberrecht schädlich für unsere Gesellschaft ist.
Viele Probleme entstehen nämlich nicht wegen der immer längerwerdenden Schutzfristen, die längst nicht mehr dem Prinzip der Verhältnismäßigkeit entsprechen, sondern weil das Urheberrecht sich schlicht nicht mehr durchsetzen bzw. organisieren lässt.

Statute of Anne

for the Encouragement of Learning

Computer sind Kopiermaschinen. Jeder Datentransfer ist eigentlich eine Kopie. In dieser inneren Logik der Technologie lässt sich das Urheberrecht (in seiner derzeitigen Form) nicht mehr durchsetzen. Doch anstatt das einzusehen und das Recht daran anzupassen, halten wir verkrampft an einem Konstrukt fest, dass ein Flickenteppich aus internationalen Verträgen und historisch gewachsenen Merkwürdigkeiten ist. Und genau in diesem verbissenen Festhalten an etwas, dass eigentlich nicht mehr funktionieren kann, liegt das große Problem.
Ganz nach dem Motto „was nicht passt, wird passend gemacht“ kommt es zu immer abstruseren Gesetzen, die uns plötzlich auch in ganz anderen Situationen einschränken.

Was häufig übersehen wird ist, dass es da noch mehr zu diskutieren gibt, als die Interessen der unterschiedlichen Akteure.
Denn unter dem Urheberrecht leiden auch viele, die nicht Verwerter, Urheberinnen oder Konsumenten sind.
Mit dem Urheberrecht werden viele problematische Entwicklungen gerechtfertigt, die gar nichts mit geistigen Gütern zu tun haben:

  • Überwachung: Immer wieder müssen wir uns gegen alberne Gesetze wehren, die unsere Kommunikation überwachen wollen. Gerne werden solche Sachen mit anderen Dingen (wie Terrorabwehr oder „Kinderpornografie“ wie sie die Dokumentation von Kindesmissbrauch verharmlosend nennen) gerechtfertigt. Doch wer zwischen den Zeilen lesen kann merkt schnell, was die eigentliche Motivation dahinter ist. Nach Einführung der Vorratsdatenspeicherung kamen schnell die Forderungen auf, die Daten auch für die Verfolgung von „illegalen Downloads“ zu nutzen. Für die Umsetzung der „three strikes“ wie sie in Frankreich praktiziert werden, ist es nötig in die Datenpakete zu schauen. Anstatt einzusehen, dass sich solche Dinge einfach nicht kontrollieren lassen, treten wir Bürgerrechte und demokratische Freiheitsprinzipien mit Füßen und vergessen, dass unsere Vorfahren einst dafür ihre Leben gegeben haben. Und wofür? Um ein längst überholtes Regelwerk aufrechtzuerhalten, das lange nicht mehr die Kultur fördert, sondern nur noch die privaten Taschen einiger weniger Verwerterinnen.
  • Störerhaftung: Wie oft habt ihr euch im letzten Monat schon darüber geärgert, dass es nirgendwo mehr ein offenes WLan gibt? Selbst in Internetcafes, wo das früher ganz einfach ging, ist jedes Netz verschlüsselt. Das Gesetz zur Störerhaftung hat unsere Technik verkompliziert. Laptop auf, einwählen, lossurfen geht heute nicht mehr. Überall muss man sich erst ein Passwort geben lassen, häufig sogar irgendwo anmelden oder sogar für den Zugang unterschreiben.  Vor allem mit Smartphones ist das eine ätzende Schikane. Und auch die Heim WLans sind alle verschlüsselt. Keiner gönnt seinem Nachbarn mehr was. Und zwar nicht, weil man nicht teilen will, sondern weil man befürchten muss, haftbar gemacht zu werden, für das, was andere tun. Früher konnte man in einer fremden Stadt einfach mal irgendwo ein offenes Netz zum Mails checken nutzen. Und ich weiß noch, wie dankbar ich nach einem Umzug war, dass ich die zwei Wochen Wartezeit bis mein Anschluss freigeschaltet wurde, mit einem offenen WLan aus meinem Haus überbrücken konnte. Internet ist eine Infrastruktur, die immer wichtiger wird. Aber anstatt dass Städte freies Netz zur Verfügung stellen, oder sich die Freifunkbewegung ausbaut, sind wir alle auf unser jeweiliges UMTS angewiesen, das dann oft nicht einmal funktioniert. Und alles nur, weil sich ein paar Politiker von Lobbyistinnen um den Finger wickeln lassen und nicht einsehen, dass der Preis viel zu hoch ist, um ein längst veraltetes Gesetz, das einer einzelnen Wirtschaftsspate nützt, krampfhaft aufrecht zu erhalten. Stellt euch eine Welt vor, in der es überall offene WLans gibt…
  • P2P: Aber es gibt noch ganz andere Entwicklungen, die aufgrund von urheberrechtlichem Getue beeinträchtigt werden. Die Peer-to-peer-Technologie ist beispielsweise sehr beeinträchtigt worden. Dabei handelt es sich um eine geniale Technologie, die wunderbar einsetzbar ist. Wer weiß wo sich diese Technologie mittlerweile hin entwickelt hätte, wenn sie nicht dauernd illegalisiert würde. Da steckt eine Menge Potential drin, das wir nicht weiterentwickeln, weil man damit ja auch Videos runterladen kann. Wir haben enorme Bandbreiten, aber zum teilen von Daten, die über die Email-Größe hinaus gehen, brauchen wir immernoch USB-Sticks. Und deshalb setzen sich dann zentrale Firmen wie dropbox durch, die diese Lücke schließen und nebenbei ganz uneigennützig die Kontrolle über unsere Daten übernehmen. Wenn P2P sich weiter hätte entwickeln dürfen, wären wir da sicherlich auf einem ganz anderen Stand mittlerweile. Auf einem, der auch gesellschaftlich viel besser wäre.
  • DRM: Ja richtig. Das Urheberrecht ist ja auch der Antreiber gewesen dafür, dass Digital Restriction Management in unsere Güter eingebaut wurden. Und das tolle dabei ist. Damit kann man dann gleich noch ein paar mehr Restriktionen einbauen, als die vom Urheberrecht vorgesehen sind. So zum Beispiel den Ländercode. So machen sich gleich alle strafbar, die mit einem Gnu/Linux eine (originale!) DVD abspielen. Anticircumvention (alias das Antiumgehungsgesetz) machts möglich. Das verbietet mir nämlich, Kopierschütze zu umgehen, was aber halt auch fürs Abspielen nötig ist.
  • Privatkopie: Apropros Kopierschutz. Auch die legale (!!) Privatkopie wurde eingeschränkt. Im Kaufpreis (und in allen Speichermedien und Brennern etc.) ist nämlich eine Pauschalabgabe inbegriffen, die die Privatkopien, die ich anlege abdeckt. Ich erwerbe also mit dem Kauf einer CD auch die Berechtigung, Sicherheitskopien anzulegen. Naja außer, wenn ein Kopierschutz drauf ist. Dann darf ich das nicht. Und Kopierschutz ist fast überall drauf. Sicherheitskopie anlegen ist also auch nicht mehr.

Das alles sind Dinge, die unsere Demokratie beeinträchtigen, die als Kollateralschäden in Kauf genommen werden, um es einer Milionenindustrie bequem zu machen. Denn diese Industrie ist gar nicht mal in Gefahr. Sie steht nur vor der Aufgabe, sich an neue Bedingungen anzupassen. Doch dazu müsste sie ihre ausbeutende Rolle verlassen und eine dienstleistende Rolle annehmen. Und um sie vor dieser Unannehmlichkeit zu bewahren schlucken wir einige fette Kröten, die den menschlichen Fortschritt ganz schön ausbremsen.
Es ist schon erschreckend, was unsere Politiker bereit sind, für den Erhalt des derzeitigen Urheberrechtsmodelles aufzugeben. Und das muss noch mal betont werden: Das sind alles Maßnahmen, die die Einhaltung des Urheberrechts garantieren sollen. Das sind noch nicht die kulturellen Einschränkungen, die mit dem Gesetz ansich kommen.

Das Urheberrecht (vor allem die Verwertungsrechte) passen nicht mehr in unsere Zeit und muss überholt werden. Aber statt dessen werden immer weiter unsere Freiheitsrechte eingeschränkt und uns eingeredet, dass alle, die was dagegen haben gemein zu den armen Urheberinnen sind.
Das finde ich gelinde gesagt widerlich. Und deshalb wundere ich mich auch nicht über den vielen Protest dagegen.
Nicht weil wir den Urhebern ihr sauer verdientes Geld nicht gönnen. Wenn die wenigstens mal gut davon profitieren würden. Aber die werden nach dem derzeitigen Gesetz ja genau so ausgebeutet wie unsere Bürgerrechte.

Wir müssen einsehen, dass wir eine faule Stelle am Apfel nicht dadurch beheben, dass wir den Apfel beständig an die Wand schmeißen.

Scheinbar banal, nie egal: Versteckter Sexismus

Ich habe heute zum ersten Mal jemanden auf Twitter geblockt. Und das wegen ein paar harmloser Tweets, die nun wirklich nicht besonders schlimm waren. Da habe ich schon wesentlich schlimmere Sachen über Twitter an den Kopf geworfen bekommen. Warum blocke ich also ausgerechnet diesen User? Gerade sind wir in Kleinbloggersdorf ja alle ziemlich durch die Brüderlegeschichte, den Sexismusartikel über die Piraten im Spiegel und die ganze Aufschreierei ziemlich aufgewirbelt. Ich begrüße das sehr, weil endlich mal wieder etwas auch von den „großen Medien“ thematisiert wird, was viel zu oft unter den Teppich gekehrt wird. Doch leider wühlt es eben auch die Gemüter auf und so steigt erstens die Wahrscheinlichkeit, dass man sich etwas Ekliges anhören muss und damit zweitens die Empfindlichkeit im Umgang mit eben solchen Kommentaren.

Mittlerweile gibt es viele Möglichkeiten mit solchen Kommentaren umzugehen. Doch eine Frage hält sich dabei hartnäckig: Was war da dran jetzt sexistisch? Viele Männer werden unsicher, was sie nicht mehr tun dürfen und ich habe dafür sogar Verständnis. Denn das wogegen wir uns heute in unseren Breitengraden wehren müssen ist selten offener Sexismus. Es ist auch keine Frauenfeindlichkeit. Es ist Androzentrismus. Es ist unbewusster Sexismus. Und der zeichnet sich genau dadurch aus, dass man eben nicht so einfach mit dem Finger darauf zeigen kann und sagen: „Das ist das Problem“. Und vor allem lässt es sich nicht in 140 Zeichen erklären.

Ich suche schon länger nach einer anschaubaren Antwort auf diese Frage. Dieser Webcomic von Gabby war meine erste Station.

Die Berichte in den Zeitungen leiden unter dem gleichen Phänomen. „Wirklich schlimm war das ja jetzt doch nicht, was da passiert ist. Hat ja noch nicht mal ein richtiger Übergriff stattgefunden.“ Im Nachhinein hört es sich ohnehin immer weniger schlimm an und so werden die Geschehnisse runter gespielt. Jedes Mobbingopfer kennt das Phänomen, dass sich die Situation im Nachhinein erzählt bei weitem nicht so schlimm anhört, wie es sich in der Situation anfühlte. Und so passiert es auch hier. Getreu dem Motto „Neun unserer 10 Angestellten haben kein Problem mit Mobbing.“

Ich möchte diese Situation nutzen, einen Versuch zu machen zu erklären, wie verdeckter Sexismus wirkt und warum er so gefährlich ist.

Einen Feind, den man sieht kann man besser bekämpfen. Man kann ihn an den Hörnern packen. Und so wurde schon so viel geprangert, bis offener Sexismus endlich gesellschaftlich weitgehend geächtet wurde. (Dabei stellt sich allerdings das Problem, dass nicht wirklich Einigkeit darüber besteht, was Sexismus eigentlich ist.) Schwieriger wird es da bei unbewusster Ungleichbehandlung oder tief in die Gesellschaft eingebettete Phänomene wie dem PayGap oder der gläsernen Decke.

Ich bin zur Zeit auf Arbeitssuche in einer männlich dominierten Sphäre (Internet, Politik und so) und hege den Verdacht, dass einige der Wände, gegen die ich bisher gelaufen bin auch gläsern sind. Das Schwierige daran ist, dass ich selbst gar nicht feststellen kann, aus welchem Grund ich nicht zu einem Gespräch eingeladen wurde. Mag sein, dass es einen besseren Bewerber gab. Mag aber auch sein, dass er gar nicht besser war, sondern nur den Eindruck erweckte, besser geeignet zu sein, weil er eben männlich ist. Wie soll man ein Problem lösen, das man selbst gar nicht erkennen kann?

Gestern habe ich über Twitter mitgeteilt, dass ich eine Arbeit suche und wurde erfreulich oft weitergezwitschert. Ich bekam auch Antworten. Einer fragte mich nach meiner Qualifikation:

https://twitter.com/aegrereminiscen/status/295968885381951488

An dem geschlechtsbezogenen Kommentar war mir schon zu diesem Zeitpunkt klar, dass mich da einer zu trollen versucht. Aber ich war schwach und ließ mich auf einen „Austausch von Argumenten“ ein, anhand dessen man versteckten Sexismus und die Prämissen dahinter sehr gut erklären kann.

https://twitter.com/reticuleena/status/295994477196234753

Ich will euch jetzt nicht mit den gesamten Nachrichten langweilen. Das könnt ihr ja auch gut selbst nachlesen. Wie erwartet ging die Argumentation rasend schnell auf mein Geschlecht zu.

https://twitter.com/aegrereminiscen/status/296013711653621763

Und damit wären wir beim ersten Punkt. Wenn ein Mann, der z.B. Philosophie studiert hat, mitteilt, dass er nach Arbeit sucht, muss er sich wohl kaum sorgen, dass er im nächsten Atemzug auf sein Geschlecht angesprochen wird. Das ist eines der vielen Privilegien, über die sich die wenigsten bewusst sind. Das ist ja auch genau Teil von Privilegien, dass man sich nicht darüber bewusst ist. In diesem Fall hat er das ganze auch noch mit zwei weiteren impliziten Aussagen geschmückt: 1) Wenn du einen Job willst, musst du halt machen, was die Wirtschaft will und wenn du das nicht tust, dann bist 2) du Schuld am PayGap.

Diesen Vorwurf finde ich faszinierend. Das ist übrigens auch nichts neues. Man überträgt die Verantwortung für das Geschehen an die, die darunter leiden müssen. Das nennt man „victim blaming“ und genau das habe ich dem Herrn geantwortet. Wenn ich dafür, dass ich selbstbestimmt entscheide, was ich studieren möchte, den Vorwurf bekomme, den PayGap zu verursachen ist das überdies auch ein herrliches Beispiel dafür, wie Argumente herumgedreht werden. In der Psychologie nennt man das Doublebind. Egal, was die betroffene Person macht, es ist falsch. (Vor nicht mal einem Monat wurde ich über Twitter als Sophistin beschimpft, weil ich mich darin übte, mich nicht unter Wert zu verkaufen.) Und egal was ich mache, ich werde sofort auf mein Geschlecht reduziert. „Du darfst nicht das studieren, was du willst, weil du eine Frau bist und dann zum PayGap beitragen würdest.“ Und diese Aussage kommt daher in einer konstruktiv geschleierten Nachricht, bei der wir uns schon darüber freuen, dass ein Mann das Wort „PayGap“ in seinem aktiven Sprachgebrauch hat.

[Update: Simon hat in den Kommentaren erläutert, warum dieser Vorwurf „nicht nur dumm, sondern auch falsch“ ist. Danke dafür.]

Zum kurzen Verschnaufen sei hier noch mal darauf hingewiesen: Genau derlei Kommentare und Anspielungen sind wir tagtäglich ausgesetzt. Meist bemerkt man es selbst gar nicht oder kann es nicht benennen. Das ist, was dauerhaft auf Frauen einwirkt und ihnen Kraft, Mut und Stärke entzieht, die sie an anderer Stelle sehr sinnvoll einsetzen könnten.

https://twitter.com/aegrereminiscen/status/296202475990573056

https://twitter.com/aegrereminiscen/status/296202639014776832

Und da haben wir das nächste schöne Beispiel für unerkannte Privilegien. Es ist meine Schuld, dass so wenige Frauen Informatik studieren. Denn ich als Frau, habe es ja auch nicht getan. Ich habe schon in mehreren Vorträgen darüber gesprochen, dass ich mein Interesse an Informatik leider erst entdeckt hatte, nachdem ich mein Studium begonnen hatte. (Wechsel der Nebenfächer war aufgrund der Umstellung auf das Bachelor/MasterSystem nicht mehr möglich.) Ich habe in diesem Zusammenhang davon berichtet, wie mir in der Schulzeit davon abgeraten worden war in den Informatikunterricht zu gehen, obwohl ich damals Interesse geäußert hatte. Meine Mathenote sei zu schlecht und das wäre zu hoch für mich. Als ich meine Logikscheine für Philosophie mit 1 machte, beschlich mich der Verdacht, dass der Informatikunterricht sich auch positiv auf meine Mathenote hätte auswirken können. Denn wenn mich die Rechnerei interessierte, hatte ich eigentlich nie Probleme damit gehabt. Aber in einem Schulumfeld, in dem von Mädchen erwartet wird, dass sie schlecht in Mathe sind und mit Computern nicht umgehen können, entstehen eine Menge sich selbst erfüllende Prophezeihungen und so entdeckte ich mein Interesse erst als es für die Fachwahl zu spät war. Kaum eine Woche vergeht, in der ich mich nicht darüber ärgere, dass ich nicht früher an den Computer herangewachsen bin. Was viele Männer vergessen, wenn sie darüber prahlen, wie früh sie schon mit Computern zu tun hatten ist, dass das nichts ist, was sie sich selbst erarbeitet haben, sondern ein fettes Privileg.

Und was passiert einer Frau, die Vorwürfe zurückweist, das Problem selbst zu verursachen? Sie bekommt den nächsten Vorwurf:

https://twitter.com/aegrereminiscen/status/296206273089777664

Das hier hat gleich mehrere Facetten.

Erst mal das Offensichtliche. Die Aussage wird verdreht, mir vorgeworfen, ich würde mich selbst in die Opferrolle stellen. Zur Erinnerung: Ich hatte bekannt gegeben, dass ich Arbeit suche. Die Verbindung zu meinem Geschlecht kam nicht von mir ebensowenig wie Schuldsuche.
Doch in dieser Nachricht steckt noch so viel mehr. Sie greift auch meine Fähigkeit als Philosophin an. „Wenn du nicht in 140 Zeichen erklären kannst, warum es nicht legitim ist, dir vorzuwerfen, dass du Schuld an allem bist, stellst du dich in die Opferrolle und bist keine gute Philosophin.“ Das beinhaltet übrigens auch eine versteckte Annahme: Wenn X nicht Y macht, dann kann X Y nicht.
Aber vielleicht liegt es ja auch daran, dass der Kanal „Twitter“ einfach der falsche ist und 140 Zeichen für eine sinnvolle Auseinandersetung einfach nicht ausreichen.
Hier steckt aber noch eine weitere sehr beliebte Strategie drin. Denn dieses Mal lässt er seine Freundin sprechen. Die hat das ja gesagt. Und die ist ja eine FRAU. Also *muss* sie ja mit allen Fragen, die den Feminismus betreffen recht haben. Diese Argumentation höre ich sehr oft. „Ich habe eine andere Frau gefragt und die sagt, dass das alles gar nicht so schlimm ist.“
Das nennt sich „internalisierter bzw. verinnerlichter Sexismus“ und ist sehr verbreitet. Dazu gehört, dass sich Frauen gegenseitig in den Rücken fallen und Problematisierungen abtun. Häufig bemerkt dann gar keiner, dass auch diese Frauen Privilegien haben und dass sie damit im sexistischen System gut ankommen. Eine Frau, die betont, wie sehr sie von Genderdebatten genervt ist, bekommt meist eine Menge Zuspruch und/oder Anerkennung von anwesenden Männern. Verinnerlichter Sexismus ist eine weitere Folge des Systems und hält den Status quo aufrecht: die Macht liegt bei den Männern. Frauen, die dazu beitragen, dass das so bleibt, dürfen von der Macht profitieren. Ihre ist es dadurch allerdings nicht.

Es kamen noch weitere Nachrichten in die gleiche Richtung und ich hatte genug Material gesammelt, um diesen Blogartikel zu schreiben. Doch wie sehr man sich auch bewusst macht, dass man sich den Mist, den einem Leute mitteilen nicht zu Herzen nehmen soll: es nagt doch an einem. Und versteckter Sexismus nagt besonders, weil man ihn so schlecht abweisen kann. „So schlimm isses doch gar nicht.“ Ja. Wenn es denn nur ein mal im Jahr (oder meinetwegen Monat) passieren würde. Doch genau das passiert in unserem Alltag wieder und wieder. Wiederholung ist das, was besonders einprägsam ist. Und wenn ich bei den meisten dieser Lektionen überhaupt kein Bewusstsein entwickeln kann, dass das nicht ok ist, verinnerliche ich immer mehr davon. Und dann werde ich selbst ein Teil des Problems.

Und damit ich mich nicht auf weitere Diskussionen mit diesem Menschen einlasse und mir auch seinen Mist nicht länger reinziehen muss, habe ich ihn geblockt.

Ich sehe bei uns das Problem hauptsächlich im versteckten Sexismus. Denn den kann ich nicht anprangern. Der kommt halt einfach durch und wird abgetan. Damit will ich offenen Sexismus keinesfalls abtun. Den gibt es noch viel zu viel in der Welt und viele Frauen wären froh, wenn sie sich nur mit dem versteckten Sexismus rumärgern müssten. Doch es ist wichtig zu begreifen, dass es dort eben noch nicht zu Ende ist.

Ich verstehe, dass viele Männer damit sehr verunsichert sind. Ich habe mal das Beispiel mit der Rolltreppe verwendet, um zu erklären, wie schwer es ist, etwas zu hinterfragen, wenn man gar nicht weiß, dass es existiert. Deshalb ist mein Vorschlag an diese: beschäftigt euch mit Privilegien macht sie euch bewusst und bedenkt, was der Umstand, dass ihr privilegiert seid für Konsequenzen hat. Und dann verzichtet das eine oder andere mal auf den einen oder anderen schlauen Satz. Ich bin sicher, dass die Welt davon nicht verarmen wird.

(Und: Wehe mir kommt jetzt einer mit dem Mist, dass Frauen ja auch weibliche Privilegien hätten!)

 

 

 

 

South Park’s Genius Website Copyright Fail

Today I need to rant about something related to my all-time favourite TV show: South Park.

South Park is a great show, and I really appreciate that all their episodes can be watched in full on their website. I even accept that ads are shown at the beginning of each episode. They are trying out a new business model and I consider this a good thing. You have to try out stuff, even if it goes wrong.
Here’s what’s wrong with the South Park model.

Some time ago the US website for South Park was accessible from everywhere. There are nice features on it, like the SP avatar generator and a forum where fans can talk about the latest episodes. The forum is particularly interesting for non-native speakers because it’s a place to learn about all the colloquial jokes that need the kind of cultural background you just don’t acquire in other places, such as Europe.

 

This is what you get, when visiting southparkstudios.com from a german computer.

Some time later, South Park launched seperate websites in different countries, including one in Germany. At the same time the US page became unreachable from those countries. Fans were outraged: The German page offered the episodes only (and rather poorly) dubbed into German. (For those of you who don’t believe me and know both languages, please compare the English and the German version of “Trapped in the Closet” or „The F-Word“ for example. South Park might well be the TV show whose humor suffers the most through translating.) The protest worked: soon the original versions could be seen on the German website, too.

So everything is fine now? Not at all! This only resolved what was clearly the most striking consequence of a fundamentally flawed policy.

1) The first point is a general one: to restrain access to a website depending on where it is accessed from is censorship and violates the principle of “net neutrality”. No business model in the world can justify giving some people access to information that others cannot reach. This it is not only censorship but also discrimination.

2) While the episodes can now be watched in the original, there is a very important feature of the US site that can not be replaced by the German one: the forum. Of course the German site also has a forum. On it, you can read what German users have to say about the German translations. For the real fan, this forum has no value at all. (Many jokes get lost in the translation, so how can you talk about them with people who don’t even know they exist?)

This user of the German forum recommends to bypass the country code and visit the American page because it has better information.

3) Another feature that’s gone now is the avatar creator, which US fans can (probably) still use – the German site simply doesn’t offer this feature.

4) There is no international address. South Park loses one of the major advantages of offering full episodes on one’s website: People can no longer link to episodes in a meaningful way. If I want to link to an episode (for example on this blog), I have to decide which local site to link to. Shall I opt for the US site – which I can not access, so I can’t check if my link is working – and lead all my German readers into the digital desert? Or shall I use a German link, making it pointless to write in English – which I’m doing to reach an international audience? And which link am I supposed to provide for readers from all the other countries with a localised site, who can neither access the German nor the US version?

Here’s a bonus problem unrelated to localization: all the websites require Flash, which some people call spyware – and not without reason. If you’re into free software or you want to stay in control of what’s going on with your computer, the episodes cannot be seen. At least for modern browsers, alternative formats that do not require proprietary plugins are available.

Especially folks like the makers of South Park (who I believe deserve to be called masters of cynical social critique) should not introduce such stupid policies. It was probably not Matt and Tray personally who came up with the genius plan to divide the online experience into localized compartments. Regardless who did it, this is embarrassing for someone representing South Park.

(Thanks to Sebastian Lisken @SebaLis for proofreading)

Spitzerfindigkeiten

Manfred Spitzer bringt mit seinem Buch „Digitale DemenzWirbel in unsere schöne neue Computerwelt. Letzten Sonntag saß er bei Günther Jauch. Ich finde es faszinierend, wie Spitzer es hinkriegt, so nah dran an einer wichtigen Erkenntnis zu sein und gleichzeitig so daneben liegen kann.

Da ich mich mit digitaler Mündigkeit und Technikpaternalismus beschäftige, triggert Spitzer mich natürlich besonders an. Ich betone oft, dass wir uns genau überlegen müssen, wie wir die digitale Technik gestalten wollen. Natürlich müssen wir uns überlegen, welche unerwünschten Konsequenzen unser Fortschritt hat, wie wir diese vermeiden können, oder ob und unter welchen Bedingungen wir damit leben können.

Die Frage, die Spitzer eigentlich stellen müsste lautet:

Wie müssen wir unsere Technik gestalten, damit sie uns nicht dumm macht?

Oder unmündig, wie ich anfügen möchte. Leider war die Sendung von Herrn Jauch recht unerquicklich und blieb sehr oberflächlich.

Ich kann mir den Seitenhieb nicht verkneifen, dass ich die Darstellung der Geschlechterrollen unmöglich fand: Die einzige Frau auf dem Panel war natürlich internetkritisch und die Gefahren für Kinder wurden nur in Bezug auf Jungs diskutiert. Natürlich! Vielen Dank! Das wird Mädchen ganz sicher inspirieren, sich nicht digital abhängen zu lassen m(

Bevor ich mich jetzt im Thema versteige und abschweife, schnell zurück zur Stoßrichtung meines Arguments: Die einzige „Erkenntnis“, die aus der Jauch-Sendung geblieben ist, war folgende:

Eltern, kümmert euch um eure Kinder!

Das hat Ranga Yogeshwar dankenswerterweise so schön auf den Punkt gebracht.

Eltern, kümmert euch um eure Kinder. Begleitet sie bei der Entwicklung ihrer digitalen Mündigkeit. Weist sie auf die Gefahren hin, stellt Fragen, habt Interesse dafür, was sie da tun.

Leider kamen sie in der Diskussion von diesem Punkt dann aber nicht auf den notwendigen nächsten Schritt und schwiffen wieder ab zu den armen unterprivilegierten Kindern, deren Eltern… naja wie sich intelligente, privilegierte Oberklässler das eben vorstellen. (Ich kenne genügend „Unterprivilegierte“, denen das Internet der letzte Zugang zu Herrschaftswissen darstellt und die ohne Computer bereits endgültig abgehängt wären.)

Was ist denn nun der notwendige nächste Schritt, den Jauch und Co nicht geschafft haben? Der wurde durch Petra Gerster eigentlich ziemlich schön verkörpert: Selbst wenn Eltern ihre Kinder im Umgang mit dem „neuen Medium“ begleiten wollen, sind sie damit meist total überfordert. Und wie sollten sie es auch nicht sein? Als sie jung waren, gab es das alles noch nicht. Sie können also nicht von ihrer eigenen Erziehung Schlüsse ableiten, wie sie es machen wollen oder sollen.

Es ist eben nicht nur wichtig, die Kinder direkt zu fördern. Es ist essenziell, auch Eltern zu beraten, wie sie ihre Kinder am besten im Umgang mit dem Internet unterstützen können, und warum sie das auch tun sollten.

Genau aus dem Grund biete ich einen etsprechenden Vortrag an: Die Elternfragestunde. Und bisher hat sich gezeigt: Wenn Eltern mal die Möglichkeit haben, Fragen zu stellen, dann nutzen sie diese äußerst dankbar.

Es braucht mehr Veranstaltungen zur Unterstützung von Eltern, die wiederum ihre Kinder unterstützen müssen. Darin sollte investiert werden, nicht in einen sinnlosen Kampf gegen eine Technologie, die sich ohnehin längst etabliert hat.

Die Sache mit dem geistigen Eigentum

Die Sache mit dem geistigen Eigentum

Ich gerate mit dem Begriff des „geistigen Eigentums“ immer wieder aneinander. Dabei stößt er mir sowohl politisch, als auch sprachphilosophisch unangenehm auf.
In der Enquête-Kommission digitale Gesellschaft habe ich eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff angetreten. Doch die Kompromissmaschine hat da natürlich auch wieder vieles weichgespült.

Hier meine unverblümte Einstellung zu dem Thema:

Zunächst: Ich unterscheide zwischen einer sprachphilosophischen und einer inhaltlichen Kritik des Begriffs. Denn Wittgenstein hat sehr schön gezeigt, wie viele Probleme allein dadurch entstehen, dass ein Begriff nicht klar differenziert wurde und man somit quasi aneinander vorbeiredet.
Den Koalitionspolitikern in der Enquete habe ich das wie folgt erklärt:

Anne und Jutta wollen ein Haus bauen. Anne findet, dass Bretter ein gutes Material dafür sind, Jutta bevorzugt Steine. Anne schlägt Jutta vor, das Haus aus „Stöckchen“ zu bauen, wobei sie damit Holzbretter meint. Jutta erscheint das absurd und schlägt „Kiesel“ vor, wobei sie große Backsteine vor Augen hat. Die beiden streiten sich sehr lange denn für jede erscheint das vorgeschlagene Material als absurd. Würden sie ihre Begriffe klären und einander erklären, was sie unter dem Begriff verstehen, könnten sie sich möglicherweise darauf einigen, dass beide Materialien in Kombination vielleicht noch besser wären. Da sie jedoch aneinander vorbei reden, haben sie nie eine Chance das Problem zu lösen.

Der Begriff des „geistigen Eigentums“ ist mit so vielen unterschiedlichen Bedeutungen besetzt, dass er es von vorne herein unmöglich macht, auf diesem Gebiet auf eine Einigung zu kommen. Seine Nähe zum stofflichen Eigentum erweckt sofort Assoziationen, die auf stofflose Güter gar nicht passen. Die einen (auch solche, die ihn erhalten und stärken möchten) grenzen ihn deshalb klar vom stofflichen Eigentum ab, die anderen leiten genau von dort Eigenschaften ab, die sie mit dem Namen begründen.
Allein deshalb ist der Begriff bereits abzulehnen. Er selbst produziert die Schwierigkeiten, die wir haben, zu einem gerechten Urheberrecht zu kommen. Und er ist es, der Menschen den Eindruck vermittelt, ihre Freunde wären ihre Feinde.
Dieser Comic aus dem Kaperbrief bringts auf den Punkt

Ich habe auch einen inhaltlichen Grund, weshalb ich diesem Begriff so kritisch gegenüber stehe. Ich befürchte, dass wir uns hier mehr und mehr unsere eigene (langfristige) Entwicklung verbauen. Während das Urheberrecht einst eingeführt wurde, um Kreativität zu belohnen, wirkt es heute geradezu kreativitätsverhindernd.

Ich bin zwischenzeitlich zu der Haltung gekommen, dass es „geistiges Eigentum“ doch geben kann. Nur ist das, was ich damit bezeichne etwas anderes, als das was allgemein darunter verstanden wird.

Eine Freundin erklärte mir einmal, dass sie einen Roman, den sie geschrieben hat (und der mich sehr bewegte) nicht veröffentlichen wolle, weil ihr die Charaktere zu sehr ans Herz gewachsen sind, als dass sie sie der Öffentlichkeit übergeben wolle. Und das konnte ich nachvollziehen. Sie wollte es für sich behalten und das ist ihr gutes Recht. Denn das ist das, was passiert, wenn ich ein Werk oder eine Idee veröffentliche. Ich löse damit unvermittelt Gefühle und neue Ideen aus. Diese sind jedoch Teil eines anderen Menschen und ich könnte nicht behaupten, dass diese mir „gehören“. In dem Moment, da ich eine Idee mit einem anderen Menschen teile, gebe ich sie ein Stück weit auf. Und das ist der Moment, indem die Vergleichbarkeit mit Eigentum aufhört. Denn die Tatsache, dass ich einen Tisch besitze wirkt sich nicht darauf aus, dass ein anderer Mensch auf einmal einen weiterentwickelten Tisch besitzt. Bei Ideen geht das. Das lässt sich sogar nicht verhindern. Kann man es denn dann verbieten?
Solange ich eine Idee mit keinem Menschen geteilt habe darf ich sie als mein „geistiges Eigentum“ bezeichnen. Doch sobald ich jemandem davon erzähle, gebe ich dieses Eigentum auf. Die Idee und ihre Mutationen existieren dann auch in einem anderen Kopf. Ich kann sie nicht mehr zerstören (eine der wichtigsten Definitionen von stofflichen Eigentum), und ich habe keine Kontrolle mehr darüber.

Der Verlust des „geistigen Eigentums“ ist für Künstler, Schriftstellerinnen usw. also Berufsrisiko, bzw. Berufsvoraussetzung. Denn wenn eine Idee in mir nichts bewirken darf, warum sollte ich sie mir dann anhören oder dafür Geld bezahlen? Das Teilen ist wichtigster Bestandteil von Ideen. Wenn ich sie für mich alleine haben möchte, dann muss ich eben auf diesen Bestandteil verzichten und sie für mich behalten. Ideen zu veröffentlichen und zu erwarten, dass sie sich nicht weiterentwickeln ist absurd.

Nun sehen wir alle ein, dass es nicht fair wäre, wenn man Musik oder Literatur oder Ideen einfach übernehmen und als „seins“ ausgeben würde. Das geht nach meiner Definition auch gar nicht, denn um es zu „meinem“ zu erklären, müsste ich es für mich behalten und könnte es daher gar nicht öffentlich als „meins“ bezeichnen.
Durch eine grundlegende gesellschaftliche Übereinkunft, dass man an Ideen keinen Eigentumsanspruch erheben kann, könnte es schlichtweg nicht dazu kommen, dass sich jemand eine Idee aneignet, die ihm nicht „gehört“.

Und dennoch muss das Teilen von Ideen gefördert werden. Wenn ein Mensch viel Mühe in etwas gesteckt hat ist es nachvollziehbar dass er sich betrogen fühlt, wenn ein anderer das aufgreift und damit Geld verdient. (Als „seins“ ausgeben, kann er es ja auch nicht.) Wenn das ginge (so eine verständliche Befürchtung), würde ja keiner mehr seine Ideen mit anderen teilen. Dass Ideen sich fortentwickeln, sobald sie geäußert werden ist sozusagen ein Naturgesetz. Wenn wir darin eine Ungerechtigkeit sehen, müssen wir sie mit einem Gesellschaftsvertrag wieder ausgleichen. Das bedeutet: wir treffen eine Verabredung, die es lohnend macht, Ideen mit anderen zu teilen. Zum Beispiel erteilen wir so etwas wie ein Monopol, das gewährleistet, dass man durch das Teilen einer Idee (und der damit verbundenen Aufgabe des Eigentums daran) im finanziellen Vorteil bleibt.

Anders als „Eigentum“ ist bei dem Wort „Monopol“ sehr deutlich, dass es Teil einer gesellschaftlichen Vereinbarung ist. Das Ablaufen des Verwertungsrechts 70 Jahre nach dem Tod würde im ersten Fall einer „geistigen“ Enteignung gleichkommen. Im zweiten Fall läge die Einsicht, dass dies eine viel zu lange Zeitspanne ist, viel näher. Denn ein Monopol dient dem Entwicklungsanreiz und darf daher nicht zu lange gelten. Mir ist bewusst, dass auch bei Monopolen maßlos übertrieben wird und ich möchte hier nicht das Prinzip des Monopols verteidigen. Ich möchte nur, dass wir das Kind beim Namen nennen. Denn das was wir als geistiges „Eigentum“ bezeichnen, ist in Wirklichkeit ein Monopol. Egal ob man Monopole jetzt gut findet, oder nicht.

Wenn wir anfangen würden, statt vom „geistigen Eigentum“ vom „geistigen Monopol“ zu sprechen, könnten wir endlich in eine zielführende Debatte eintreten. Wer längere Schutzfristen fordert, der soll sie fordern, wer Monopole gänzlich ablehnt, soll das tun. Vielleicht trifft man sich irgendwo in der Mitte (was immer noch weit unter den 70 Jahren nach dem Tod liegen müsste). Wichtig ist, dass wir uns bewusst sind, was wir fordern, wenn wir über die Schutzfristen sprechen. Und dabei fordern wir nicht eine Verzögerung (oder gar Aufhebung) der Enteignung, sondern eine Verlängerung des ausgleichenden Eingriffs. So können ganz neue Fragen aufkommen: Wie lange ist ein Eingriff nötig, um ausreichend auszugleichen? Was ist notwendig um diesen zu rechtfertigen?
Wir würden das Pferd von der anderen Seite besteigen. Von der Seite, die die langfristige Fortentwicklung und den Bestand unserer Gesellschaft im Auge hat (anstelle von kurzfristigen Gewinnaussichten).
Doch solange wir behaupten, man könne Eigentumsansprüche an Ideen erheben, kommen wir nicht weiter. Denn dann verschwenden wir unsere Zeit mit juristischen Spitzfindigkeiten, anstatt kreativ zu sein. Die Fronten verhärten sich und wir stehen uns letztlich selbst im Weg.

Einigkeit und Streit und Freiheit für ein transparentes Land

Es ist nicht nur bei den Tagesthemen gestern groß raus gekommen: Die Piraten veranstalten ihren neunten Parteitag in Offenbach. Die Presse hielt es für den ersten. Und in gewisser Hinsicht ist es auch ein erster. Der erste, den sie ernst nehmen.
Und dass die Piraten ernstzunehmen sind, das haben sie an diesem Wochenende erneut bewiesen: Nach außen mag es vielleicht etwas verzankt vorkommen. Doch genau das ist vielleicht eins der wichtigsten Alleinstellungsmerkmale dieser jungen Partei.
Auf dem Bundesparteitag 2011.2 in Offenbach (Foto: Simon Kowalewski)
Von Anfang an war peiteiinterner Streit bei den Piraten sichtbar: Denn die Piraten stehen für Transparenz ein. Von Anfang an waren Mailinglisten, Wikis, Sitzungen, Protokolle und vieles mehr öffentlich zugänglich. Und eben das macht parteiinternen Streit sichtbar.
Streit ist nichts schlechtes. Andere Parteien haben so etwas auch. Ohne Streit geht es in der Demokratie nämlich gar nicht. Die anderen Parteien haben sich jedoch dem politischen Duktus unterworfen, dass parteiinterner Streit hinter verschlossenen Türen stattzufinden hat. Und Bürgerinnen, Bürger und Presse haben sich daran gewöhnt. Die Stärke „Streit“ ist zur Schwäche verkommen.

Die Piraten nehmen Fahrt auf und machen ihre Uneinigkeiten transparent. Das stößt nicht überall auf Verständnis. Auf ihrer ersten Fraktionssitzung haben beispielsweise die Berliner Piraten kein sehr geschlossenes Bild abgegeben. Auch ihr Abstimmungsverhalten im Berliner Abgeordnetenhaus ist keinesfalls einstimmig. Ein gefundenes Fressen für die Presse, dies als Misserfolg hinzustellen. Vielleicht hat die Presse es sogar geschafft, dies dem einen oder anderen Piraten einzureden.
Und so geht es weiter. Auf dem Parteitag in Offenbach wird diskutiert und gestritten. Nicht wenige sind schon am Abend der Anreise am Freitag von den Vorgesprächen schon heiser. Am Samstag bereits sind viele erschöpft. Politische Meinungsbildung ist anstrengend.
Doch das, was zunächst wie eine Schwäche scheint, könnte eine der größten Stärken der Piratenpartei sein. Diese neue Form der Transparenz wird das politische Parkett Wellen schlagen lassen.

Manchmal missverstehen wir das, was mit dem ersten Wort der deutschen Nationalhymne gemeint ist und glauben, dauernd „Einigkeit“ zeigen zu müssen. Und verwechseln das meist auch noch mit Harmonie.
Doch Wachstum und Entwicklung können am besten aus Konflikten heraus erwachsen.
Wenn sich alle einig sind, entstehen keine neuen Ideen, werden Dinge nicht hinterfragt. Eine gruselige Vorstellung.

Und nun kommt da diese Piratenpartei daher und schafft den Irrglauben an die vorgetäuschte Einigkeit einfach ab. Da wird diskutiert, gezankt und – ein wenig zu oft – wird es im Eifer einer hitzigen Diskussion auch persönlich,.
Und immer dann, wenn es gelingt, konstruktiv zu streiten, schaffen es die Piraten, sich binnen kurzer Zeit in Siebenmeilenschritten fortzuentwickeln.
Das gehört zur Streitkultur. Und diese gestalten die Piraten immer vielversprechender. Erinnert man sich an den Parteitag 2010 in Bingen zurück, bei dem viele über die GO-Anträge und die Unkonstruktivität konsterniert waren, stellt man fest: Die Diskussionen der Piraten sind viel produktiver geworden.

Unsere politische Geschäftsführerin, Marina Weisband, hat es in ihrer kurzen Rede auf den Punkt gebracht. Philip Banse fasst sie so zusammen: „Wir sind eine tolle Partei, haben viel erreicht und dürfen uns streiten, aber bitte mit Respekt.“
Und damit hat sie recht. Wir dürfen streiten. Wir müssen streiten. Wenn wir es hinkriegen das konstruktiv und respektvoll zu tun, beweisen wir nicht nur Konflikftfähigkeit, sondern auch, dass wir mehr können, als nur gefühlslose Technik. Konfliktfähigkeit ist eine soziale Kompetenz.

Ich glaube, dass wir Piraten diese Transparenz und Streitkultur mit Bedacht ausgestalten sollten. Dogmatismus ist nämlich auch bei Transparenz gefährlich.
Politische Sitzungen müssen bei Zeiten auch hinter verschlossenen Türen stattfinden. Sei es aus Datenschutzgründen einzelner Bürgerinnen, oder damit auch Union und Linke mal freundschaftlich und produktiv mit einander reden können, ohne um Wählerstimmen fürchten zu müssen.
Transparenz hier zu dogmatisch zu fordern, hätte einzig zur Folge, dass sich die entsprechenden Gespräche wieder in die ganz unkontrollierbaren Hinterzimmer verlagern. Was letztlich Politik wesentlich intransparenter machen würde, als immerhin bekannte und protokollierte Sitzungen.
Gleichzeitig kann der piratige Wind der Transparenz davon heilen, dass Parteien, – aufgrund von Showpolitik – nur hinter verschlossenen Türen produktiv miteinander reden können.

Die Transparenz der Piraten erfordert, dass man Fehler machen darf. Denn wenn ich alles transparent machen soll/muss, kann/darf ich auch nichts mehr vertuschen. Dann muss auch anders mit Fehlern umgegangen werden. Denn aus den eigenen Fehlern lernt man am meisten. Also muss man die auch machen und dazu stehen dürfen. Dann können wir offen zu unseren Schwächen stehen und kritikfähig sein. Streiten können bedeutet auch, lernen zu können.

Also liebe Piraten: Auch wenn es manchmal anstrengend ist. Haltet durch! Unsere Diskussionen ebnen den Weg für die Zukunft unserer Partei. Und die Presse wird sich auch daran gewöhnen, dass Uneinigkeit einen manchmal weiter führen kann, als aufgesetzte Geschlossenheit.

Flüssige Demokratie in der Enquête? Übungsstunden in Volksvertretung.

Seit mehr als einem Jahr trifft nun die Enquete-Kommission für Internet und Digitale Gesellschaft zusammen. Wenn ich erzähle, dass ich dort als Referentin tätig bin, werden mir oft die gleichen zwei Fragen gestellt:

  • Ist das nur ein Ablenkungsmanöver, welches die wichtigen Kräfte der Netzbewegung binden soll?
  • Ist es überhaupt sinnvoll, als Externe oder Externer über das Tool Adhocracy dort mitzuarbeiten?

Die erste Frage beantworte ich gerne mit: „Es kommt darauf an, was man daraus macht.“ Ich selber habe mich entschieden, die Enquête ernst zu nehmen. Ich nehme mit Freude wahr, dass Politiker in dieser Runde sehr viel dazu lernen und auch lernwillig sind. Manche ächzen mittlerweile, weil ihnen bewusst wird, dass sie nun versuchen müssen Positionen in ihre Parteien zu tragen, die dort so gar nicht vertreten werden. Auch die Netzvertreterinnen lernen eine Menge über real existierende politische Prozesse. Es ist innerhalb des Bundestags noch nicht geklärt, wer mit welchen Methoden die besseren Ergebnisse liefert.

Eine Besonderheit dieser Enquête ist, dass sie – en passant – bereits viele Ziele erreicht hat, sogar tatsächlich einige Revolutionen im Bundestag bewirkt hat (empfehlenswerter Artikel von Wolfram Sauer).

In der Enquête werden keine Gesetze gemacht, sondern der Sinn ist, dass sich alle Fraktionen des Bundestags nebst gewählten Sachverständigen zusammensetzen und konsensfähige Vorschläge ausarbeiten. Das bedeutet, dass alles so lange durch die „Konsensmaschine“ gedreht wird, bis am Ende ein weiches, rundes Ergebnis ‚rauskommt, das von allen mitgetragen werden kann.

Ein Konsens ist leider nur selten dann erreicht, wenn alle das Ergebnis gut finden, sondern wenn alle das Ergebnis schmerzt …

Aber diese Enquête hat etwas Besonderes: Den sogenannten „18. Sachverständigen“.

Dieser wird u. a. über das Tool Adhocracy repräsentiert. Hier kann jede und jeder Vorschläge in Texte einarbeiten die dann in den Arbeitsgruppen besprochen werden. Denn tatsächlich beginnen auch die Politikerinnen selbst die neuen Medien zu nutzen und versuchen (in ihrem begrenzen Rahmen) auch mal neue Wege einzuschlagen.

Nachdem ich bei padeluun viel Werbung für Liquid Feedback gemacht hatte und er dies zusammen mit Jimmy Schulz und Alvar Freude in die Enquete getragen hatte, wurde dann – zwar nicht Liquid Feedback (LF) aber – immerhin Adhocracy eingeführt.

Ich persönlich halte Adhocracy für nicht sehr übersichtlich. Daher hätte ich mir lieber Liquid Feedback gewünscht, da das auch im „Outcome“ besser zu verarbeitende Ergebnisse bringt. Besonders fehlt mir die Möglichkeit, das Deligieren mit zu verwenden, was ja mit der wichtigste Bestandteil von „Liquid Democracy“ ist. Auch die Möglichkeit, Texte mit Bedingungen zustimmen zu können („Ich finde den Vorschlag XY ok, wenn noch diese und jene Änderung mit einfließen würde“). Ohne diese Funktionen wird das gemeinsame Erarbeiten von Texten leider sehr schwer und unübersichtlich.

Es gibt noch ein weiteres Problem: Da die Projektgruppen in der Regel leider nicht öffentlich sind, können die Leute gar nicht nachvollziehen, was aus ihrer Arbeit eigentlich geworden ist. Vieles wird in den Sitzungen sehr stark verändert. Das passiert allerdings auch den Texten aus den Fraktionen und von den Sachverständigen. Es ist meist kaum möglich, zu erkennen, welche Änderungen wie genau eingeflossen sind, wenn man den Konsensprozess nicht verfolgen konnte.

Viele Verfechter von Liquid Democracy halten das Adhocracy-Experiment der Enquête für zu weich gekocht, um etwas zu taugen, fühlen sich nicht ernst genommen und machen deshalb nicht mit. Das kann ich durchaus nachvollziehen.

Wir müssen uns allerdings auch klar sein: Es gibt Menschen in der Politik, die nur darauf warten, dass Adhocracy scheitert. Selbstverständlich gibt es gute Gründe für die sogenannte „repräsentative Demokratie“. Nicht alle politischen Prozesse können derart vereinfacht erklärt werden, dass sie jede wahlberechtigte Person nachvollziehen kann. Mit mehr Bürgerbeteiligung könnten wir vielleicht die jeweiligen Vorteile von direkter und repräsentativer Demokratie vereinen. Sich auf dieses politische Wagnis einzulassen sind aber nicht alle PolitikerInnen gewillt. Und die warten nur darauf, dass „sich zeigt“, dass die Bürgerinnen und Bürger gar nicht beteiligt werden „wollen“.

Leider war die Beteiligung im Enquête-Adhocracy bisher recht verhalten. Dabei gibts hier große Chancen, sich und seinen Sachverstand mit einzubringen. In den Sitzungen wurden schon Anträge besprochen, die im Adhocracy nur sechs Abstimmungsstimmen gefunden hatten. Die Mitglieder in der Enquete versuchen das Projekt durchaus ernst zu nehmen. Was nicht einfach ist, denn es bedeutet, das man eine weitere Platform im Blick behalten muss (was derzeit fast nur deswegen funktioniert, weil das Enquête-Sekretariat stets versucht, aktuelles aus Adhocracy aufzugreifen).

Die neuen Projektgruppen, die nach der Sommerpause eingesetzt wurden, nutzen Adhocracy vom Start weg. Hier (und übrigens auch bei den Projektgruppen, die noch nicht einberufen wurden) haben Menschen, die Adhocracy nutzen immerhin den Vorteil, dass sie früher als die eigentliche Projektgruppe, an den Themen arbeiten können. So wurden Ideen aus Adhocracy von Anfang an besprochen und in die Gliederungen für die zu erarbeitenden Inhalte mit aufgenommen. Die Projektgruppe Demokratie und Staat wird sogar öffentlich tagen.

Als ich in der Free-Software-Community dafür warb, sich in die entsprechende Projektgruppe einzubringen, wurde ich gefragt, wie viel Sinn es überhaupt ergibt, dort Zeit zu investieren.

Deswegen jetzt einmal meine Position dazu:

JA ja JA! Es lohnt sich definitiv, sich in die Arbeit einzubringen. Und zwar weil:

  • Die Anträge aus Adhocracy werden in den Projektgruppen ernst genommen. Meiner Einschätzung nach um so mehr, je mehr Leute daran teilgenommen haben.
  • Die Politikerinnen und Politiker lernen auf diesem Weg, sich auf mehr Bürgerbeteiligung einzulassen. Kein Mensch kann alles von Anfang an perfekt. Wir müssen der Bundestagspolitik auch die Chance geben, das zu üben. Nur weil sie es nicht von Anfang an perfekt (oder wenigstens hinlänglich) können, ist das kein Grund die Sache zu boykottieren.
  • Dass Adhocracy ein „sehr weich gekochtes Liquid Democracy“ ist, ist mir bewusst. Aber: Die Enttäuschung darüber zeigt auch, wie wenig wir darüber wissen, wie das politische Geschäft funktioniert. Es ist eine Revolution, dass es diese Beteiligungsmöglichkeit im Bundestag überhaupt gibt. Dass es nicht gleich in seiner gesamten Radikalität eingeführt werden konnte, ist nicht überraschend. Wer den unbeweglichen Verwaltungs- und Regierungsapperat ein wenig kennt, sollte wissen, wie phänomenal auch diese weichgekochte Instanz ist. (Natürlich kann man den unbeweglichen Regierungsapperat kritisieren, aber das sollte man dann bitt’schön an anderer Stelle machen. In dieser Richtung werden die Berliner Piraten im Abgeortnetenhaus wohl in nächster Zeit eine ganze Menge Erfahrungen sammeln und ausprobieren, wie sich Politik offener gestalten lässt.)
  • Das bringt mich gleich zum nächsten Grund: Nicht nur Politikerinnen und Politiker müssen noch viel lernen. Auch in der Bevölkerung ist noch viel Aufklärung darüber nötig, wie das politische Geschehen eigentlich von statten geht. Dafür ist eine Instanz wie Adhocracy geradezu hervorragend. Also selbst wenn die Inhalte nicht ankämen, ist es dennoch lohnend, weil sowohl Politiker als auch Bürgerinnen üben können, miteinander in Kontakt zu treten.
  • Auch wenn Adhocracy nicht das sein sollte, was man sich so vorstellt. Nur wenn der Feldversuch „gelingt“, gibt es eine Chance, dass derartige Einbindung von Bürgerinnen und Bürgern weiterhin betrieben wird. In dem Fall kann man sich dann dafür einsetzen, dass wichtige Funktionen, die jetzt noch fehlen, eingeführt werden (z. B. Delegationen). Wenn nun die Beteiligung zu niedrig ist, wird dies aber als Mangel an Interesse gewertet werden und es wird vielleicht so schnell keine Chance mehr geben, die bestehenden Mängel zu beheben.
  • Es schwächt unsere Bewegung stark, wenn wir Einbindung einerseits fordern und dann andererseits die Verantwortung, die damit einher geht nicht wahrnehmen, weil uns die Bedingungen, unter der die Einbindung passiert, nicht gefallen. Dann sind auch wir nicht mehr glaubwürdig. Selbst wenn mir z.B. viele Dinge am bisherigen Wahlsystem nicht gefallen, ist das doch kein ausreichender Grund, nicht wählen zu gehen.
  • Es kam schon häufig vor, dass ein Votum aus dem Adhocracy als eine Art Autoritätsargument herangezogen wurde. Da diese ganze Enquête ja auch der Versuch ist, dem Volk zu beweisen, dass die Politik doch „voll doll bevölkerungsnah“ ist, ist es recht schwer, solch ein Argument abzutun. Also: Jeder Beitrag hilft!
  • Wahrscheinlich dauert es nicht mehr lange, bis die VertreterInnen der „dunklen Seite der Macht“ herausfinden, dass Adhocracy auch dazu funktionalisiert werden kann, um ihre Inhalte unterzubringen. Um dies zu verhindern ist es notwendig, dass viele daran teilnehmen. Denn nur so können diese Beiträge nivelliert werden. Das können die Sachverständigen der Enquête aus der Netzgesellschaft nicht allein leisten.
  • Demokratie bedeutet auch Verantwortung. Wenn ich will, dass die Souveränität beim Volk liegt, dann muss ich auch souverän sein und die Verantwortung, die damit einhergeht, tragen. In dem Fall führt genau das Gejammere, dass das Volk ja doch nicht ernst genommen wird dazu, DASS es nicht mehr ernst genommen wird.

Übrigens gibt es noch mehr Projekte, die mit Flüssiger Demokratie und Bürgerinnenbeteiligung über das Netz arbeiten.
Ein Projekt der Bertelsmann-Stiftung wurde neulich, unter ungewöhnlich geringem Medienrummel veröffentlicht. Böse Zungen behaupten, das hinge damit zusammen, dass der entstandene Text zu stark von den Wertvorstellungen der Bertelsmann-Stiftung abweichen.

Wenn ihr mich fragt: Ein weiterer Grund, Demokratieplattformen zu stärken. Auch wenn das Adhocracy der Enquête-Kommission zur Zeit (noch) nicht viel mit „Flüssiger Demokratie“ zu tun hat.

Meine neue Leidenschaft: Froschtituierten-Witze

So langsam kann ich wieder etwas besser tippen und so kehre ich endlich zurück in die digitale Welt. Ist schon erschreckend, wie einen der Verlust der Schreibfähigkeit aus dieser Welt ausschließt.

Wiedemauchsei: Ich melde mich hiermit zurück, bitte jedoch um Verständnis, dass ich mich auch weiterhin schriftlich noch etwas zurück halten muss.
… es gibt ja auch noch eine Magisterarbeit, die endlich fertig werden will.

Zur Feier, dass ich wieder schreiben kann (aber unter dem Wissen, dass ich mich nach wie vor zurückhalten sollte) hier mal was kürzeres, völlig political-incorrectes, das mir aber die Leidenszeiten versüßt hat:

Ich habe eine neue Leidenschaft.

Es fing damit an, dass mir neulich einer einen Witz erzählt hat.

Der geht so:
Was ist grün und steht am Straßenrand?
Na?
Kommt ihr nie drauf: Eine Froschtituierte.

Aus diesem mehr oder weniger mäßigen Witz stieß sich eine Welle los, von Witzen, die dieses Konzept aufgreifen. Ich nenne sie in Anlehnung an den ersten Witz dieser Sorte, der mir zu Ohren kam „Froschtituierten-Witze“.

Da ist zunächst die Frage:
Was ist blau und steht am Straßenrand?
Ganz klar! Eine Frosttituierte.

Und was ist gelb und steht am Straßenrand?
Die Postituierte.

Was ist reich und steht am Straßenrand?
Die Gutsituierte.

Ab jetzt war ich nicht mehr zu halten und machte selbst mit bei der Erfindung neuer Froschtituiertenwitze.

Da ich selbst ja sehr gerne mit Sprache spiele kamen mir sofort etliche neue Varianten.

Offensichtlich ist der hier:
Was ist betrunken und steht am Straßenrand?
Die Prost-tituierte (Bindestrich bitte mitlesen ;-)

Dann gibt es exotischere, wie der hier:
Was studiert nicht mehr und steht am Straßenrand?
Die Exmatrikulierte.
oder
Was ist erneuert und steht am Straßenrand?
Ist doch logisch: Die Gentrifizierte.

Selbstverständlich gibt es auch nerdige:
Was hat die Hand im Gesicht und steht am Straßenrand?
Die Fazialpalmierte.
Und was ist gut aufgeräumt und steht am Straßenrand?
Die Defragmentierte.

Eine kleine Sammlung der unzähligen Froschtituierten-Witze, die mir in den letzten Tagen eingefallen sind, hab ich mal angehängt.
Die Liste ist nicht vollständig. Ich freue mich über neue Ideen. Am besten gleich hier in den Kommentaren.

Was ist rot und steht am Straßenrand?
Die Linkssozialisierte.
Aber manchmal ist es auch nur eine Blamierte.

Was steht am Straßenrand, ohne es eigentlich zu wollen?
Eine Manipulierte.
Was ist am Straßenrand verteilt?
Eine Explodierte.
Was steht ganz aufgeregt am Straßenrand?
Eine Alarmierte.
Was steht ganz schamlos am Straßenrand?
Eine Ungenierte.
Was steht undurchschaubar am Straßenrand?
Eine Verklausulierte.
Was hat eine gute Idee und steht am Straßenrand?
Eine Inspirierte.
Was steht mit komischer Frisur am Straßenrand?
Eine Hochtupierte.
Was hat keine Ahnung und steht am Straßenrand?
Eine Uninformierte.
Was ist korrodiert und steht am Straßenrand?
Eine Rostituierte.
Was ist fett und steht am Straßenrand?
Eine Kolosstituierte.
Was steht schon ziemlich lange am Straßenrand?
Eine Pfostituierte.
Was hat große Brüste und steht am Straßenrand?
Eine gut ausstaffierte.
Was steht im Fokus am Straßenrand?
Eine Anvisierte.
Was ist noch nicht gekeltert und steht am Straßenrand?
Eine Mostituierte.
Was steht gereizt am Straßenrand?
Eine Enervierte.
Was steht gut vertreten am Straßenrand?
Eine Repräsentierte.
Was steht nicht mehr am Straßenrand?
Eine Eliminierte.
Und was wurde vom Straßenrand entfernt?
Eine Ausradierte
Für Antiklerikale:
Was ist violett und steht am Straßenrand?
Eine Papstituierte
Was ist bei Facebook und steht am Straßenrand
Eine Ausspionierte.
Was steht am Straßenrand und schnappt nach Luft?
Die Reanimierte.
Was darf endlich wieder am Straßenrand stehen?
Eine Rehabilitierte.
Was wird am Straßenrand verteilt?
Eine Publizierte.

Was regt sich über Froschtituiertenwitze auf und steht am Straßenrand?
Die Genderisierte.
Wer ist feministisch gebildet und kann über Froschtituiertenwitze lachen?
Die Differenzierte…

Fußball und Männerfußball gleichermaßen ernst nehmen!

Ich finde es ja schon die ganze Zeit merkwürdig, dass die ganze Zeit von der „FrauenFußball-WM“ gesprochen wird. Gibt es denn noch eine andere?
In Schweden wird Fußball beider Geschlechter einfach Fußball genannt. Aus dem Kontext erschließt sich dort fast immer, welcher gemeint ist.
Zum Beispiel müsste doch eine WM im eigenen Land solch ein Kontext sein.
Daher habe ich mir zur Gewohnheit gemacht, von Fußball und Männerfußball zu sprechen.
Das führt mitunter zu amüsanten und vielsagenden Verwirrungen.
Bei fast allen, entstand dadurch zunächst für Verwirrung, dann verdrehten sie die Augen.
Aber folgendes Gespräch wollte ich euch nicht vorenthalten.

Habe den Namen geändert, es ist natürlich ein Gedächtnisprotokoll, hat sich aber ziemlich genau so abgespielt:

Ich: Was machst du in deiner Freizeit?

Tom: Ich spiele Fußball.

Ich: Oh schön! Ich finde es toll, dass auch Männer Fußball spielen. Die haben ja sogar ne eigene Mannschaft, oder?

Tom: Ach! Das nimmt doch keiner ernst!

Ich: Ach komm. Die gewinnen zwar nicht so oft eine WM, wie die Frauen, aber deswegen sollte man sie doch nicht weniger ernst nehmen!

Tom: Naja wenn sie ohne Trikot spielen würden, vielleicht höhö.

Ich: Die Männer?

Tom: Ja ja.

Meine mehrfachen Betonungen, dass ich über Männerfußball spreche, hat er einfach überhört.
Es war recht deutlich, dass er eigentlich das Gegenteil meinte, von dem was er gesagt hatte. Es zeigt auf, wie abfällig über Frauen (und Frauensport) gesprochen wird, und dass das vielerorts noch gesellschaftlich akzeptiert ist.
Ein herablassener Tonfall lässt offenbar viele automatisch davon ausgehen, dass von Frauenfußball die Rede ist. Und das sollte uns doch zu denken geben.

Nun hat die WM ja viele feministische Diskussionen angestoßen:
Dürfen die Fußballerinnen sich auch weiblich zeigen? Oder sollen sie es sogar, damit ihr Fußball ernster genommen wird? Oder wird er gerade dadurch weniger ernst genommen? Wie produktiv ist die WM-Werbung? Reproduziert sie die gängigen Rollenbilder vielleicht eher noch? Und müssten nicht gerade die Deutschen die Fußballerinnen hypen, weil die im letzten Jahrzehnt schon zwei mal gewonnen haben? Und muss eine Frauen-WM unbedingt zu feministischen Diskussionen führen? Und wenn ja, warum sind die dann so flach? Und warum führt Männerfußball nicht zu solchen Debatten? Warum wird dort nicht über Sexismus geredet?

Die deutsche Diskussionsgesellschaft zeigt gerade sehr eindrucksvoll, wie wichtig ein Diskurs über Gleichberechtigung (ich erinnere: Gleichberechtigung bedeutet nicht Gleichbehandlung!) noch immer ist.

Nur weil es nicht mehr ganz so schlimm ist, wie früher und ein gewisses Maß an Gleichberechtigung erreicht ist, heißt das noch nicht, dass wir schon fertig sind. Derart herabwürdigenden Gesprächen und Kommentaren (offen oder verdeckt) sind Frauen noch immer regelmäßig ausgesetzt.
Und das, entschuldigt die Wortwahl, stinkt zum Himmel!

Übrigens verdeutlicht es auch, wie groß eben doch der Einfluss der Sprache auf die Haltung in der Gesellschaft ist.
Ich werde jedenfalls weiterhin von „Fußball“ und „Männerfußball“ reden. Und ich finde, wenigstens während der WM sollte das doch selbstverständlich sein.
Wenn nicht: Ein Grund mehr, es zu tun.

Update: Neusprech.org hat sich auch dazu geäußert.

Gesichtsverlust bei Facebook

Irgendwie ist es allen bewusst: Facebook ist nicht so ganz koscher.
Aber andererseits hat es so viele praktische Funktionen und macht es so einfach mit all den Menschen in Kontakt zu bleiben, für die ich im real live nicht genug Zeit aufbringen würde, weil sie mir nicht wichtig genug sind.
OK das war jetzt gemein. Aber Fakt ist doch, dass Facebook eine üble Datenkrake ist und mit unseren Profilen ein riesen Geschäft macht.

Viele beruhigen sich damit, dass sie ihre Privatssphäreeinstellungen ja einstellen können und dann nur noch ihre Freunde an ihre Informationen ran kommen.
Und Facebook.
Kein Problem: „Als Wohnort habe ich Bahamas angegeben“ und auch die anderen Daten werden zum scheinbaren Schutz verfälscht. Dann weiß auch Facebook nichts über mich.
Nichts?
Oh nein! Definitiv nicht nichts.
Wusstet ihr, dass Facebook oft weiß, auf welchen anderen Seiten ihr surft, während im gleichen Browser Facebook geöffnet ist? Und hat euch noch nie gewundert, dass der „like“-Button auch ohne Eingabe eines Facebook-Passwortes funktioniert? Das sind Infos, die ich zwar auch vor Facebook verbergen könnte (z.B. indem ich die entsprechenden Cookies deaktiviere etc.), aber da die meisten davon gar nicht wissen, können sie auch nichts dagegen tun. Die denken dann weiterhin, ihre falschen Angaben zu Studienfach und co würde Facebook verwirren.
Und dann gibt es da noch die ganzen Daten, die meine Freunde über mich preis geben. Indem sie Fotos hochstellen oder unbedarft oder sogar unwissentlich meine Daten bekannt geben. Sogar dann, wenn ich gar nicht bei Facebook angemeldet bin.

Rena Tangens hält Laudatio für BBA Preisträger Facebook

Facebook bekommt BigBrotherAward. (Foto: Matthias Hornung, CC-by-sa)

Und auch das ist noch nicht das schlimmste.
Die wertvollsten Informationen sind nämlich die Verbindungen zu anderen Menschen. Meine Freunde sagen eine Menge über mich aus. Und wer hat schon mehr Fake-Freunde als richtige in seinem Facebookaccount? Schließlich sind die es ja, die auch vollen Zugriff auf die privaten Informationen kriegen.
Warum sind diese Infos besonders wertvoll? Vielleicht kennt ihr das aus dem echten Leben: Man kopiert eine Eigenschaft einer Freundin, übernimmt eine Formulierung eines Freundes in den Sprachgebrauch und man folgt generell den Empfehlungen der eigenen Freunde sehr gerne. Freunde haben einen gewissen Einfluss auf uns und gerade deshalb ist die Information darüber, wer unsere Freunde sind, besonders wertvoll. Das ist nichts neues: Sehr effektive Werbemethode sind Empfehlungen von Leuten, die man kennt. Wenn ich über derart vollständige Vernetzungsinformationen verfüge, wie Facebook, kann ich auch leicht die Knotenpunkte herausbekommen. Welche zweitausend Menschen muss ich erreichen, damit diese für mich die anderen Millionen überzeugen? Das ist sehr bequem. Und viel billiger als herkömmliche Werbung. Und es muss nicht bei Werbung aufhören. Schließlich kann man auch für politische Überzeugungen „Werbung“ machen. Manipulation der Massen wird auf viel subtilere Art möglich. Sie kommt zu mir durch meine Freunde. Auf diese Art weitergesponnen, könnte Facebook zu einer Gefahr für die Demokratie werden. Und zwar allein durch die Daten, die wir nicht vermeiden können, dass Facebook sie bekommt.
Da wundert es nicht, dass Facebook an allerhöchster Stelle Schnittstellen zur CIA hat?

 

Immer wieder mal gibt es Aktionen gegen Facebook, wie gemeinschaftliches Account-löschen und so. Aber der ganz große Sturm ist irgendwie noch aus geblieben. Vielleicht müssen wir damit auch warten, bis Diaspora endlich salonfähig ist und wir eine Alternative haben. Oder wir könnten jetzt schon damit anfangen und mal wieder eine Anti-Facebook-Welle los treten.

Guter Anlass wäre auch folgendes:
Am 1. April hat Facebook einen BigBrotherAward verliehen bekommen.
Rena Tangens hat eine richtig gute Laudatio gehalten, die richtig gut auf den Punkt bringt, weshalb auch ich Facebook ablehe, auch wenn ich selbst einen Account habe. Diesen Vortrag gibt es jetzt auch auf Youtube zu sehen (Teil 2 gibts hier). Der Vortrag dauert 18 Minuten und die sind es in jedem Fall wert. (Die ganzen BBA kann man sich übrigens auch ansehen.)
Leider sind auf dem Video die Vortragsfolien nicht zu sehen. Deswegen möchte ich auf zumindest eine davon hinweisen, die sehr anschaulich zeigt, wie sich die Privatssphäre-Einstellungen bei Facebook über die Jahre verändert haben.

Ceterum censeo *Facebook*inem esse delendam.